Wir können Zukunft! Warum Furchtlosigkeit keine Frage des Alters ist

Shownotes

Vera Schneevoigt hat 38 Jahre Konzernkarriere hinter sich – Siemens, Fujitsu, Bosch – und hat sich dann sehr spontan von diesem Weg verabschiedet. Warum? Weil ihr Mann und sie erkannt haben, dass ihre Eltern und Schwiegereltern Unterstützung brauchen. Und weil sie konnte. Weil sie ein freier Mensch ist, wie sie selbst sagt.

„Ich bin nicht mutig. Ich bin furchtlos. Ich habe wenig Angst – ich bin total neugierig, ich will immer was ausprobieren." — Vera Schneevoigt

Was klingt wie ein radikaler Ausstieg, ist in Wirklichkeit ein Einstieg – in ein Leben, das klarer, selbstbestimmter und – laut ihr – in vielerlei Hinsicht ehrlicher ist. In dieser Live-Folge spricht Vera mit Journalistin Silvi Feist über Resilienz, Verantwortung und Care-Arbeit. Ihre Vision gilt jetzt einer Gesellschaft, in der ältere Menschen ihren Beitrag für die Zukunft leisten – mit ihrer Zeit, ihren Skills und ihrer Weisheit.

Die Folge berührt folgende Themen:

  • Intergenerationale Traumata: Warum ist Deutschland gerade so düster drauf?

  • Die „Elefant-in-Scheiben-schneiden"-Methode als Lösungsansatz für große, lähmende Probleme.

  • Was Spiritualität – jenseits von Religion – mit Zukunftsvertrauen zu tun hat.

  • Warum 60 in Japan der Eintritt in die Phase der Weisheit ist (und warum das auch für dich gilt).

  • Warum Care-Arbeit für Eltern und Ältere endlich als das gesehen werden muss, was sie ist: eine gesellschaftliche Verantwortung, kein individuelles Problem.

Drei Ansätze für eine bessere Zukunft:

  1. Erfahrung weitergeben, statt sich zurückzuziehen
    Frauen ab 50, 60 Jahren verfügen über Jahrzehnte Führungserfahrung. Wenn diese Generation aktiv berät, coacht und sich vernetzt, anstelle sich still in die Rente zu verabschieden, wird das die nächste Generation spürbar verändern.

  2. Care-Arbeit enttabuisieren und politisch machen
    Vera nennt die Pflege ihrer Eltern „Elternzeit 2.0". Solange Unternehmen und Politik diese Phase im Leben ignorieren, verlieren sie erfahrene Fachkräfte. Flexible Modelle – Sabbaticals, Pflegephasen, Wiedereinstiegsprogramme – sind im Unternehmenskontext längst überfällig.

  3. Vernetzung als politischen Akt begreifen
    Vera ist da eindeutig: Wenn Frauen sich vernetzen, verändern sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern Strukturen. Und das gilt von der Kaffeepause bis zum Investorinnennetzwerk.

Weiterführende Links

Guiding for Future GmbH (ihr Beratungsunternehmen mit Thomas Schneevoigt)

„Wir können Zukunft" von Vera Schneevoigt & Vera Hermes, Haufe Verlag (2024)

Interview: „Wir können Zukunft! Wenn wir bereit sind, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben.“

Organisationen

FlutMut – Initiative für das Ahrtal nach der Flutkatastrophe 2021

encourageventures – Investorinnen-Netzwerk für Gründerinnen

Erwähnte Personen

Andreas Reckwitz – Soziologe, Autor von „Verlust. Ein Grundproblem der Moderne" (Suhrkamp, 2024): Suhrkamp Verlag

Jane Goodall (1934–2025) – Verhaltensforscherin, Umweltaktivistin, UN-Friedensbotschafterin. janegoodall.de

Vera Hermes – Journalistin und Co-Autorin von „Wir können Zukunft"

Über herCAREER Voice

Der Podcast herCAREER Voice liefert wertvolle Einblicke in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, immer verknüpft mit persönlichen Erfahrungen und vor allem aus weiblicher Perspektive. Wechselnde Moderator:innen und Gäst:innen aus unterschiedlichen Unternehmen, Redaktionen und Arbeitsumfeldern bieten vielseitige und praxisnahe Erfahrungswerte für die Hörer:innen. https://www.her-career.com/podcastherCAREER ist die führende Plattform für die weibliche Karriere. Hier erwartet dich ein einzigartiges Netzwerk mit individuellen Job-Chancen und jede Menge inspirierender Content wie Podcasts, Vorträge und Panels live auf herCAREER Expo oder online im Rahmen unserer herCAREER Academy. Wir heißen alle Menschen willkommen – im Besonderen Frauen, denen wir die Chance geben, von diesem besonderen Möglichkeitsraum zu profitieren. https://www.her-career.com

Dieses Gespräch wurde im Rahmen der herCAREER Expo 2025 aufgezeichnet und als Podcast aufbereitet. Mehr über die herCAREER Expo unter www.her-career.com/expo

Projektleitung: Natascha Hoffner Redaktion: Kristina Appel Produktion: Bernhard Hiergeist

Transkript anzeigen

00:00:00: Wir haben als Nation vergessen,

00:00:02: wie wichtig es ist, sich von

00:00:04: Traumata zu erholen.

00:00:05: Wir haben so viele Sachen, die uns

00:00:07: beeinflussen und trotzdem sind wir

00:00:08: ein so wohlhabendes und reiches

00:00:10: Land, wir können in Zukunft auch

00:00:12: das adressieren, zu sagen, wir

00:00:13: müssen uns doch auf unsere

00:00:14: Ressourcen, auf unsere Stärken

00:00:15: besinnen. Ich kann total verstehen,

00:00:17: wenn man Angst hat, aber Angst ist

00:00:19: der schlechteste Ratgeber, den man

00:00:20: haben kann, und dann müssen wir

00:00:21: diese Ängste und auch diese

00:00:22: Erlebnisse doch thematisieren.

00:00:35: Willkommen beim HerCareer Podcast.

00:00:38: Du interessierst Dich für aktuelle

00:00:39: Diskurse aus Wirtschaft,

00:00:41: Wissenschaft, Politik und

00:00:42: Gesellschaft und das insbesondere

00:00:44: aus einer weiblichen Perspektive?

00:00:46: Vielleicht wünschst Du Dir

00:00:47: persönliche Einblicke in den

00:00:48: Arbeitsalltag von Menschen und

00:00:50: Unternehmen, die sich dem

00:00:51: gesellschaftlichen und

00:00:52: wirtschaftlichen Wandel stellen?

00:00:54: Dann bist Du hier genau richtig.

00:00:59: Wenn wir eine gute Zukunft wollen,

00:01:01: dann sollten wir nicht mehr nur

00:01:02: reden, sondern ins Machen kommen.

00:01:04: Das sagt Vera Schneevoigt, die ihre

00:01:05: Konzernkarriere an den Nagel gehängt

00:01:07: hat, um ihre Eltern und

00:01:09: Schwiegereltern zu pflegen.

00:01:10: In diesem Live-Gespräch erklärt sie,

00:01:12: wie dieser Schritt ihre Perspektive

00:01:14: auf Leben und Zusammenleben

00:01:16: geprägt hat, und sie erzählt,

00:01:18: was sie von Politik, Unternehmen und

00:01:20: ihrer eigenen Generation erwartet,

00:01:22: damit die Zukunft für alle

00:01:24: lebenswert wird.

00:01:34: Hallo zusammen.

00:01:36: Ich sitze jetzt hier mit Vera

00:01:38: Schneevoigt, die ich euch gleich

00:01:39: vorstellen möchte.

00:01:40: Ich selber bin Journalistin in

00:01:42: Hamburg. Mein Name ist Sylvie Feist.

00:01:45: Ja, wenn man Vera und

00:01:47: ihren Karriereweg vorstellen möchte,

00:01:50: könnte man im ersten Moment denken,

00:01:52: ist ja mal einfach, 38

00:01:54: Jahre Konzernkarriere.

00:01:56: Und am Ende ist es dann tatsächlich

00:01:58: die längste Vorstellungskarte

00:01:59: geworden, die ich mir hier

00:02:01: so notiert habe.

00:02:03: Denn die 38 Jahre Konzernkarriere

00:02:05: waren halt Siemens, Fujitsu,

00:02:08: Bosch und du hast

00:02:10: im Grunde genommen zig Karrieren

00:02:12: gehabt, weil du dich halt auch immer

00:02:13: weiterentwickelt hast und ganz

00:02:15: unterschiedliche Positionen

00:02:16: bekleidet.

00:02:17: Und warst zuletzt Chief

00:02:19: Digital Officer.

00:02:21: Du hast in Brasilien gearbeitet,

00:02:23: warst in deiner Fujitsu-Phase

00:02:26: viel in Japan, also hast auch ganz

00:02:28: unterschiedliche Kulturen und

00:02:29: Arbeitskulturen kennengelernt.

00:02:31: Du bist Beraterin, Mentorin,

00:02:34: ich hab gehört, eine der Mentees

00:02:35: ist heute hier mit uns im Publikum,

00:02:38: Pflegemutter von zwei inzwischen

00:02:40: erwachsenen Jungs, die aus

00:02:42: Syrien geflohen sind.

00:02:44: Und du hast vor

00:02:46: drei Jahren Schlagzeilen gemacht,

00:02:49: weil du gekündigt hast,

00:02:51: um gemeinsam mit deinem Mann Zeit

00:02:53: zu haben, dass ihr euch um

00:02:55: eure Eltern kümmert.

00:02:57: Ja und außerdem bist du überzeugt,

00:02:59: "Wir können Zukunft", so heißt dein

00:03:00: Buch, das hier steht.

00:03:02: Du erinnerst darin ganz stark an

00:03:04: unsere Selbstwirksamkeit.

00:03:06: Willkommen Vera Schneevoigt.

00:03:08: Vielen Dank.

00:03:09: Erste Frage, Vera.

00:03:11: Folgst du vor allem deiner Intuition

00:03:13: oder bist du so der Typ,

00:03:15: ich mache einfach, was gemacht

00:03:16: werden muss?

00:03:18: Ersteres. Ich bin ein äußerst

00:03:20: intuitiver Mensch und habe mich

00:03:22: damit auch relativ viel beschäftigt.

00:03:23: Ich glaube, dass ich hochsensibel

00:03:25: bin auf der emotionalen Ebene.

00:03:27: Ich habe mehrere Tests gemacht und

00:03:29: mein ganzes Leben ist Lust und

00:03:31: intuitiv geprägt, auch meine

00:03:33: Karriere.

00:03:34: Einmal tatsächlich in die Politik

00:03:36: gesprungen.

00:03:37: So ein Zitat, das vor kurzem

00:03:39: die Runde gemacht hat, war Lars

00:03:40: Klingbeil.

00:03:41: "Unser Hauptgegner ist die schlechte

00:03:43: Laune." Und das

00:03:46: hat ja eine ganze Menge Stirnrunzeln

00:03:48: provoziert,

00:03:50: weil viele das Gefühl hatten, da

00:03:51: bagatellisiert jemand die

00:03:53: Herausforderungen unserer Zeit.

00:03:55: Gleichzeitig ist es aber so, dass

00:03:57: das ein Ansteckungspotenzial hat.

00:04:00: Wie siehst du das?

00:04:01: Ich weiß nicht, ob ich das so

00:04:02: bezeichnet hätte mit der schlechten

00:04:04: Laune, aber der Titel "Wir können

00:04:05: Zukunft" ist ja nicht umsonst

00:04:07: gewählt. Der ist letzten Endes

00:04:09: gewählt worden, weil ich sage,

00:04:11: ich bin immer ein Mensch, der nach

00:04:12: vorne geguckt hat, der immer

00:04:13: zukunftsorientiert ist und der

00:04:15: macht. Also können von,

00:04:17: wir können, wir könnten auch sagen,

00:04:18: wir machen Zukunft, aber das gab es

00:04:19: glaube ich schon den Titel, also

00:04:20: haben wir "Wir können Zukunft"

00:04:21: gewählt, ich habe das Buch auch

00:04:23: zusammengeschrieben mit Vera Hermes,

00:04:24: einer Journalistin, die zwei Jahre

00:04:26: jünger ist als ich und wir hatten

00:04:28: ganz viele Diskussionen eben.

00:04:31: Genau über dieses Phänomen.

00:04:33: Also ich hätte es jetzt nicht

00:04:34: schlechte Laune genannt, aber ich

00:04:35: hatte kürzlich, glaube ich, in der

00:04:37: ZEIT einen Artikel, der sagte,

00:04:39: der Zustand in unserem Land ist

00:04:42: gekennzeichnet durch Resignation

00:04:44: und Zynismus.

00:04:45: Das fand ich noch schlimmer als

00:04:46: schlechte Laune.

00:04:47: Weil Resignieren heißt, ich gebe im

00:04:49: Prinzip auf.

00:04:50: Zynismus ist etwas, mit dem ich

00:04:51: überhaupt nicht umgehen kann.

00:04:52: Ich habe das sehr oft in meinem

00:04:54: beruflichen Umfeld erlebt.

00:04:56: Zynische, sarkastische Menschen

00:04:57: haben ein sehr toxisches

00:04:59: Potenzial und ich finde, wenn das

00:05:01: die Beschreibung über unser Land

00:05:02: ist, dann bin ich ja noch froh, dass

00:05:04: wir gesagt haben, wir können

00:05:05: Zukunft.

00:05:06: Aber ich erkenne das so, also ich

00:05:07: bin ja, als ich die Entscheidung

00:05:08: getroffen habe zu kündigen,

00:05:10: waren meine männlichen Kollegen und

00:05:12: ich hatte in meinem Leben 99 Prozent

00:05:14: männliche Führungskollegen oder

00:05:16: 95 Prozent vielleicht, überhaupt

00:05:18: kein Verständnis dafür gehabt, wie

00:05:20: man sowas machen kann.

00:05:22: Und die haben gesagt, du kannst doch

00:05:23: deine Karriere jetzt nicht aufgeben

00:05:25: und du kannst doch jetzt nicht

00:05:26: einfach gehen.

00:05:27: Dann habe ich gesagt, doch, kann

00:05:28: ich.

00:05:29: Ich bin ein freier Mensch.

00:05:30: Also ich habe einen Vertrag und ich

00:05:31: erfülle meinen Vertrag bis zum

00:05:32: Schluss.

00:05:33: Und ich habe mich aber nach 38

00:05:35: Jahren, da bin ich auch müde.

00:05:36: Ich bin auch erschöpft und diesen

00:05:38: Spagat zwischen 600 Kilometern,

00:05:40: zwischen unseren Eltern.

00:05:41: Wir lebten zu der Zeit noch in

00:05:42: Bayern, sind ja mittlerweile in die

00:05:44: Eifel gezogen.

00:05:45: Da lebt meine Schwiegermutter.

00:05:46: Wir haben zwei Elternteile schon

00:05:48: verloren seit der Entscheidung.

00:05:49: Mein Schwiegervater ist zwei Wochen

00:05:50: nachdem ich aufgehört hab,

00:05:51: gestorben. Meine Mutter letztes Jahr

00:05:53: und alles war richtig.

00:05:54: Also rückblickend ist man ja dann

00:05:55: schlauer. Natürlich hatte ich auch.

00:05:58: Angst vor dem, was da kommt und

00:06:00: ich war aber so beschäftigt und

00:06:01: durch dieses Jahr, Kündigungsfrist,

00:06:03: was ich hatte, konnte ich halt auch

00:06:04: runterfahren und habe halt gemerkt,

00:06:07: dass mein Post, der hauptsächlich

00:06:09: dazu gedacht war, nicht den

00:06:11: Eindruck zu erwecken, ich wäre

00:06:12: entlassen worden oder hätte

00:06:14: sonst keine Lust mehr, sondern

00:06:16: ich wollte einfach erklären, warum

00:06:17: ich kündige, hat eine

00:06:19: so wahnsinnige Resonanz gebracht,

00:06:21: so dass ich eben völlig überwältigt

00:06:23: war, ob der Thematik für Pflege,

00:06:26: für Betreuung von Eltern.

00:06:27: Schritt zurück zu gehen und

00:06:29: das hat mich sehr fasziniert

00:06:31: und auch sehr betroffen gemacht,

00:06:33: weil in unserer Gesellschaft,

00:06:35: also in meiner Gesellschaft, ich bin

00:06:36: ja sehr stark in IT- und

00:06:38: Technologieunternehmen unterwegs,

00:06:39: ich bin in einem wahnsinnig

00:06:42: rationalen Umfeld, im technischen

00:06:44: Umfeld findet ein Thema

00:06:46: wie Elternzeit schon kaum statt,

00:06:48: das hat sich ja Gott sei Dank ein

00:06:49: bisschen gebessert, aber wir haben

00:06:50: das auch, Thomas und ich, mein Mann

00:06:52: haben haben das genannt "Elternzeit

00:06:54: Reverse" oder "Elternzeit

00:06:55: 2.0".

00:06:57: Und haben gesagt, wie kann denn

00:06:58: jemand die Entscheidung für meine

00:07:00: Eltern und meine Schwiegereltern mit

00:07:02: einer Karriere gleichsetzen?

00:07:04: Das eine ist eine hochpersönliche,

00:07:06: emotionale Entscheidung gewesen und

00:07:08: das andere ist eine sehr rationale

00:07:10: Karriere, auch mit vielen Emotionen

00:07:12: verbunden, ohne Zweifel, aber, und

00:07:14: ich fand das so krass, dass wir das

00:07:16: miteinander in Verbindung gesetzt

00:07:17: haben.

00:07:18: Und deswegen ist dieses

00:07:19: Schlechte-Laune-Thema was, was mich

00:07:21: jeden Tag begleitet, weil in

00:07:23: dem Thema bist du wirklich im

00:07:24: Gute-Laune-Umfeld.

00:07:26: Aber ich finde es krass, dass der

00:07:28: Lars Klingbeil das so gesagt hat,

00:07:29: also er hat es richtigerweise

00:07:31: gesagt, aber die Reaktion darauf,

00:07:33: das hast Du ja schon beschrieben,

00:07:35: ist ziemlich befremdlich.

00:07:37: Du zitierst im Buch einmal

00:07:39: Andreas Reckwitz, der sagt, wir

00:07:41: seien eine Fortschrittsgesellschaft

00:07:43: ohne Fortschrittsglauben.

00:07:45: Es gibt Studien, wonach 50 Prozent

00:07:47: der Menschen in Deutschland

00:07:48: erwarten, dass es ihnen in zehn

00:07:50: Jahren schlechter geht.

00:07:52: Und in unserem Vorgespräch haben wir

00:07:53: festgestellt, dass in

00:07:56: unseren beiden Familien,

00:07:58: bei den Großeltern und

00:08:00: dann eben eigentlich kleinen

00:08:03: Eltern bzw.

00:08:04: bei dir im Fall der Schwiegermutter,

00:08:06: die haben Flucht- und

00:08:07: Vertreibungserfahrung.

00:08:08: Das ist ja was, was wir bei allem

00:08:10: Druck, den wir im Moment empfinden,

00:08:13: ganz, ganz anders erleben und wir

00:08:15: dieses Problem nicht haben.

00:08:16: Wie können wir diese

00:08:17: Widerstandskraft und

00:08:19: Resilienz wiederfinden,

00:08:22: damit wir auch mit den

00:08:23: Veränderungen, die in Zukunft

00:08:24: sicherlich anstehen werden,

00:08:26: gut umgehen können?

00:08:28: Also ich habe die Erfahrung gemacht,

00:08:29: dass ja ein Menschenleben in der

00:08:31: Vergangenheit maximal 80

00:08:33: war und wir jetzt wahrscheinlich in

00:08:35: meiner Generation im Jahrgang 65

00:08:37: ungefähr 100 werden können.

00:08:39: Es gibt ja die höchste Anzahl von

00:08:40: Hundertjährigen zurzeit schon.

00:08:42: Und dann ist es halt so, dass wir ja

00:08:44: da nur nach vorwärts gucken.

00:08:45: Also die Longevity-Bewegung

00:08:47: ist ja eine gute,

00:08:49: wenn man um das Thema Gesundheit,

00:08:51: Selbstwirksamkeit und Selbstfürsorge

00:08:53: nachdenkt, aber sie ist eine

00:08:54: schlechte, wenn man damit

00:08:55: suggeriert, dass auch der Mensch

00:08:57: die Fähigkeit hat, das Leben zu

00:08:59: verewigen.

00:09:00: In meinem Fall ist es so,

00:09:02: dass dieses Thema Flucht ja

00:09:03: zweidimensional ist.

00:09:04: Einmal unsere Pflegesöhne, die aus

00:09:06: Syrien geflüchtet sind, 2015

00:09:08: auf diesem Track, den jeder

00:09:10: genommen hat, mit zu Fuß,

00:09:12: Boot und Bahn

00:09:14: und LKWs und sonst was und sind in

00:09:15: Bayern gelandet, alleine.

00:09:17: Mohammed war 18,

00:09:20: knapp 18, Ahmed war

00:09:21: 12.

00:09:22: Die beiden sind von Darajar

00:09:24: in der Nähe der Golanhöhen

00:09:27: losgezogen, weil der Mohammed

00:09:29: gesagt hat, ich kann hier nicht

00:09:30: bleiben, die sind auf der

00:09:31: Rebellenseite gewesen, die hätten in

00:09:33: die Armee gemusst.

00:09:34: Zu der Zeit wurden sogar schon

00:09:37: 16-Jährige rekrutiert.

00:09:39: Das heißt, die Gefahr, dass sie

00:09:40: in der Armee landen auf

00:09:43: der Assad-Seite, war groß.

00:09:44: Er hatte eine große Sehnsucht nach

00:09:46: Bildung, weil die kommen aus einer

00:09:47: sehr guten Familie und sie hätten

00:09:49: alle studieren sollen.

00:09:50: Und Mohamed hatte so einen Antrieb

00:09:52: zu sagen, ich gehe jetzt nach

00:09:53: Deutschland, weil da kann ich meine

00:09:55: Bildung hinkriegen.

00:09:56: Das hat mich immer erst komplett

00:09:57: beeindruckt.

00:09:59: Also nicht, dass ich mir

00:10:00: ansatzweise, obwohl ich jetzt so

00:10:01: viel weiß, darüber vorstellen kann,

00:10:03: wie das ist, zu Fuß von

00:10:05: dort loszugehen, aber auch

00:10:07: die Familie zu verlassen, den

00:10:08: Kulturbereich zu verlessen.

00:10:09: Und ich habe mit Mohameds Vater

00:10:11: zwischenzeitlich gesprochen und habe

00:10:13: ihn gefragt, was er gedacht hat, wie

00:10:15: groß ist die Wahrscheinlichkeit,

00:10:16: dass sie dort lebend ankommen?

00:10:17: Und er hat geantwortet zwei Prozent.

00:10:19: Und das hat mir richtig einen in die

00:10:21: Magengrube versetzt, weil ich

00:10:23: gedacht habe, wie kann ein Vater das

00:10:25: überleben, dass seine Kinder

00:10:26: vielleicht zu 98 Prozent

00:10:28: nicht ankommen. Das war ein bisschen

00:10:30: übertrieben. Also sag mal, wenn es

00:10:31: zu 20 gewesen wäre, wäre es schon

00:10:32: schlimm genug gewesen.

00:10:33: Dann habe ich gesagt, was hast

00:10:35: du denn gefühlt in der Zeit?

00:10:37: Weil wir haben uns in Dubai letztes

00:10:38: Jahr persönlich getroffen und die

00:10:40: Kinder mussten übersetzen, wir

00:10:41: können beide keine gemeinsame

00:10:42: Sprache.

00:10:43: Dann hat er gesagt, weißt

00:10:45: du, ich wusste,

00:10:47: dass... Die mussten gehen.

00:10:49: Und das war mein Rational, aber mein

00:10:50: Herz ist zerbrochen.

00:10:52: Und als sie angerufen haben, dass

00:10:54: sie in Deutschland sind und noch

00:10:55: mehr als sie bei euch waren, habe

00:10:56: ich gewusst, ich habe trotzdem alles

00:10:58: richtig gemacht.

00:10:58: Und habe gesagt, aber ja, wie toll.

00:11:00: Und wir haben ein Gespräch geführt,

00:11:01: wir haben alle geheult.

00:11:03: Und es war so, dass ich gedacht

00:11:04: habe, Flucht, Vertreibung

00:11:07: hat doch so einen

00:11:09: massiven Einfluss auf Familien,

00:11:11: dass ich dann mit der Fluchtgeschichte

00:11:12: meiner Schwiegermutter, die auch

00:11:13: sehr offen darüber reden kann, noch

00:11:15: mal anders umgehen konnte.

00:11:16: Und das schönste, Silvie, was

00:11:17: passiert ist, dass Ahmed, der jetzt

00:11:20: 23 wird, und Mohammed,

00:11:22: der 28 ist und am Montag

00:11:24: wieder wahrscheinlich endgültig

00:11:26: zurückgeht nach Syrien.

00:11:27: Die beiden Brüder haben sich sehr

00:11:28: unterschiedlich entwickelt.

00:11:29: Ahmed hat in meiner Schwiegermutter

00:11:31: eine Person gefunden, die ihn

00:11:32: versteht.

00:11:34: Und da hat er sie gefragt, da war er

00:11:35: glaube ich 14, Oma, insbesondere

00:11:37: für den Kleinen, sind alle meine

00:11:39: Verwandten und wir haben die gleiche

00:11:41: Funktion wie seine Herkunftsfamilie.

00:11:44: Da hat er gesagt, Oma wie lange ist

00:11:45: man denn ein Flüchtling?

00:11:47: Und da hat sie gesagt: Ich bin ja

00:11:48: immer noch ein Flüchtling.

00:11:50: Und da war sie 80 oder 79

00:11:52: und dann hat er gesagt, die Oma hat

00:11:53: gesagt, sie ist immer noch ein

00:11:54: Flüchtling und hat gesagt ja, wenn

00:11:55: sie das sagt, wird sie das so fühlen

00:11:57: und ich glaube, dass diese unsere

00:11:59: ganze Geschichte, dass wir Kinder

00:12:01: von Kriegskindern sind oder Enkel

00:12:03: von Kriegsbetroffenen,

00:12:06: Großeltern, dass dieser in unserem

00:12:08: Land eine

00:12:11: Bedeutung hat.

00:12:12: Wir haben ein totalitäres

00:12:14: System mit den Nazis gehabt.

00:12:16: Die Menschen im Osten hatten zwei

00:12:17: totalitäre Systeme, nämlich danach

00:12:19: die DDR.

00:12:21: Wir haben niemals, also unsere

00:12:23: Eltern haben niemals die

00:12:25: Kriegsgeschichte aufgearbeitet und

00:12:26: die Fluchtgeschichte auch nicht.

00:12:28: Wir, ich bin

00:12:30: ja in Wirtschaftswachstum als

00:12:32: Kind groß geworden, hatten ganz

00:12:34: lange Zeit gar keine Ahnung davon,

00:12:36: was denn damals passiert war und

00:12:38: wir haben als Nation vergessen,

00:12:40: wie wichtig es ist, sich von

00:12:42: Traumata zu erholen.

00:12:44: Und wenn wir Trippeltraumatas oder

00:12:45: Doppeltraumata haben und dann kamen

00:12:47: noch die Migranten und die

00:12:48: Gastarbeiter. Also wir haben so

00:12:50: viele Sachen, die uns beeinflussen

00:12:52: und trotzdem sind wir ein so

00:12:53: wohlhabendes und reiches Land.

00:12:56: Und das ist so eine Schizophrenie

00:12:57: für mich, dass wir können Zukunft

00:12:59: auch anders adressieren, zu sagen,

00:13:01: wir müssen uns doch auf unsere

00:13:02: Ressourcen, auf unsere Stärken

00:13:03: besinnen und nicht auf das, vor dem

00:13:05: wir Angst haben.

00:13:06: Ich kann total verstehen, wenn man

00:13:07: Angst hat.

00:13:08: Aber Angst ist der schlechteste

00:13:09: Ratgeber, den man haben kann.

00:13:11: Und dann müssen wir diese Ängste und

00:13:13: auch diese Erlebnisse doch

00:13:14: thematisieren.

00:13:15: Und das fängt jetzt so langsam an

00:13:17: mit meiner Ahmed-Generation,

00:13:19: also die, die Anfang 20 sind.

00:13:21: Und ich hoffe, dass das uns hilft,

00:13:23: darüber wegzukommen, dass wir

00:13:25: diese wahnsinnige Angst und

00:13:27: diese wahnsinne Unsicherheit haben

00:13:28: vor dem, was uns die Zukunft bringt.

00:13:31: Hast du so ein, zwei

00:13:33: konkrete Impulse,

00:13:36: wie wir das Vertrauen in

00:13:37: eine positive Zukunft

00:13:39: in uns selbst stärken können?

00:13:42: Also wir sind so in den in den

00:13:44: 70ern und 80ern groß geworden.

00:13:46: Es hilft natürlich keinem, wenn man

00:13:47: sagt, ja iss deinen Teller leer,

00:13:49: weil die Kinder in

00:13:51: Afrika haben nichts zu essen.

00:13:53: Also wie kommen wir dahin,

00:13:56: uns nicht zu einem

00:13:58: positiven Zukunftsvertrauen zu

00:13:59: verpflichten, weil wir sagen, ja den

00:14:00: anderen geht es ja noch schlechter,

00:14:02: sondern die kann das Positive

00:14:05: wirklich positiv sein.

00:14:07: Für mich war ein ganz großer Faktor,

00:14:09: dass ich mich mit meiner Geschichte

00:14:10: beschäftigt habe. Mit meiner

00:14:11: Familiengeschichte, mit der

00:14:12: Geschichte meiner Mutter, mit den

00:14:13: Geschichte meines Vaters, die sehr

00:14:15: unterschiedlich ist.

00:14:16: Dass ich weiß, was in unseren

00:14:18: Familien gewesen ist und auch

00:14:20: wissen wollte, ich bin total

00:14:21: geschichtsinteressiert, an Politik

00:14:23: interessiert, mein Vater war ja

00:14:24: Berufspolitiker.

00:14:25: Ich hatte immer große Angst, dass

00:14:26: bei uns in der Familie Nazis waren.

00:14:28: Weil ich hab, weiß ich nicht, also

00:14:30: aus verschiedensten Gründen hab ich

00:14:32: immer gedacht, da gibt es irgendwie

00:14:33: so dunkle Flecken und hat sich

00:14:35: rausgestellt, da ist überhaupt

00:14:36: nichts. Und mein Großvater war 1900

00:14:38: geboren, also ich bin eine seiner

00:14:39: jüngsten Enkelinnen und er hat

00:14:41: mir, weil er im Widerstand war, was

00:14:43: er nie zugegeben hat,

00:14:45: aber Kinder kriegen ja auch nie die

00:14:46: Wahrheit gesagt in unserer Zeit.

00:14:47: Heute vielleicht ein bisschen eher,

00:14:48: aber die haben halt immer irgendwas

00:14:49: erzählt und die haben Geschichten

00:14:51: erzählt, die mir aber unlogisch

00:14:52: vorkamen. Und dann habe ich

00:14:53: angefangen zu recherchieren und

00:14:55: wollte halt wissen, wie sind dann

00:14:57: meine Großeltern in der Zeit

00:14:58: gewesen. Mein Vater ist 1941

00:15:00: geboren. Meine Mutter 39.

00:15:02: Was haben die denn erlebt?

00:15:03: Ich meine, jetzt hatte ich in dem

00:15:04: Fall, meine Großeltern,

00:15:05: mütterlicherseits sind alle beide

00:15:08: während der Geburt meiner Mutter

00:15:09: gestorben.

00:15:10: Also meine Oma ist bei der Geburte

00:15:12: gestorben, mein Opa ist in Russland

00:15:14: gefallen oder hat sich selbst

00:15:15: umgebracht. Das lässt sich leider

00:15:16: nicht mehr richtig rekonstruieren.

00:15:17: Das ist so oder so tragisch.

00:15:18: Das ist eine ganz tragische Seite

00:15:20: unserer Familie.

00:15:21: Aber bei Thomas, meinem Mann, ist es

00:15:23: so, sein Vater stammt aus Essen,

00:15:25: Ruhrgebiet, grob:

00:15:26: Nazis.

00:15:27: Sein Vater ist weg,

00:15:29: weil er, glaube ich, damit nicht

00:15:31: umgehen konnte.

00:15:32: Hat aber nie darüber gesprochen.

00:15:33: Jetzt erst, wo er gestorben ist, hat

00:15:35: seine Schwester uns alles erzählt,

00:15:36: was wir wissen wollten.

00:15:37: Also sie hat gesagt, ihr könnt mich

00:15:39: alles fragen, ich erzähle euch das.

00:15:40: Ich habe hier ganz viele Dokumente

00:15:42: gefunden.

00:15:43: Meine Schwiegermutter, in

00:15:45: Westpommern, in der Nähe von

00:15:47: Posen, aufgewachsen.

00:15:49: Ihre Mutter hat einen Mann verloren,

00:15:51: zwei Kinder verloren und den zweiten

00:15:53: Mann im Krieg verloren.

00:15:54: Ist mit zwei Kindern, zwei Mädchen

00:15:56: und ihrem Sohn, hat versucht

00:15:58: zu fliehen.

00:15:59: Dann hat ihr ältester

00:16:02: Sohn, der 16 Jahre älter war

00:16:04: als meine Schwiegermutter,

00:16:06: hat eine Hitlerfahne mitgenommen,

00:16:08: weil er war in der jungen, ich weiß

00:16:10: nicht, wie das hieß, aber in diesen

00:16:11: jungen Bewegungen.

00:16:13: Und dann haben sie einen russischen

00:16:15: Soldaten getroffen, der gesagt hat,

00:16:16: sie müssen das wegschmeißen.

00:16:18: Wenn das jemand findet, sind sie

00:16:20: tot.

00:16:21: Und dann hat ihr Schwiegervater,

00:16:23: der war mit auf der Flucht, hat

00:16:24: gesagt, unsere Pferde halten nicht

00:16:26: durch. Wir können mit den kleinen

00:16:27: Kindern nicht fliehen. Meine

00:16:28: Schwiegermutter war gerade ein Jahr

00:16:29: alt und dann sind die alle zurück.

00:16:31: Die sind auf das Gut zurück.

00:16:33: Und dann haben die Polen, die meine

00:16:35: Schwiegeroma ganz viel

00:16:37: gut behandelt hat, haben gesagt, ihr

00:16:38: dürft hier neben dran wohnen.

00:16:40: Dann haben sie noch sechs Jahre in

00:16:41: einem Land gewohnt, was sie

00:16:42: eigentlich nicht mehr wollte.

00:16:43: Sie durften ihre Sprache nicht

00:16:44: sprechen. Und wenn du mich fragst,

00:16:46: warum wir in die Zukunft gucken,

00:16:47: dann wenn diese Frau und mein Opa

00:16:49: und was die alles erlebt haben, das

00:16:50: geschafft haben, also bitte, wir

00:16:52: haben tausendmal bessere

00:16:53: Voraussetzungen als die.

00:16:55: Die hatten vielleicht eines, was wir

00:16:56: heute vergessen haben, die hatten

00:16:58: ihre Religion.

00:16:58: Die waren sehr gläubig, die haben

00:17:00: gebetet und die haben Gottvertrauen

00:17:02: gehabt, die haben an Menschen

00:17:03: geglaubt, die ihnen helfen,

00:17:05: an den lieben Gott, der es schon

00:17:06: richten wird.

00:17:08: Und wir haben heute diesen Glauben

00:17:09: vielleicht oft nicht mehr so stark.

00:17:12: Wir sind den Kirchen nicht mehr

00:17:13: verbunden.

00:17:14: Aber wir haben Spiritualität und das

00:17:15: habe ich zuletzt in Japan erlebt,

00:17:17: wie man auch ohne eine christliche,

00:17:20: muslimische oder jüdische alte

00:17:22: Religion über Spiritualität

00:17:23: trotzdem Vertrauen in seine Zukunft

00:17:26: haben kann und das haben wir

00:17:27: vielleicht vergessen oder verlernt

00:17:29: oder nicht gelernt.

00:17:30: Und wenn wir das wieder entdecken,

00:17:31: ist unsere Zukunft blendend.

00:17:33: Also ich gucke auch keine

00:17:34: Nachrichten mehr.

00:17:36: Ich lese morgens früh quer und

00:17:38: alles, was Herrn Trump betrifft,

00:17:40: ignoriere ich aus verschiedensten

00:17:41: Gründen, nicht nur weil er so ist,

00:17:43: wie er ist, weil ich mich ganz stark

00:17:44: mit dieser Tech-Pro-Szene

00:17:45: beschäftigt habe, und ich habe da

00:17:46: auch gearbeitet und ich denke,

00:17:48: das ist eine Übergangszeit.

00:17:50: In jeder großen Umbruchssituation

00:17:52: in unserem

00:17:53: Industrialisierungsprozess gab es

00:17:54: große Umbrüche, wo Dinge

00:17:56: passiert sind, weil das Alte eben

00:17:58: weg ist und das Neue kommt.

00:18:00: Und wir hatten aber nie eine Zeit,

00:18:01: wo so viel Kommunikation und

00:18:03: Information in der Welt war.

00:18:04: Und deswegen wissen wir das alles.

00:18:05: Früher haben wir das einfach nicht

00:18:06: so mitgekriegt. Aber die

00:18:07: Dampfmaschine, das Internet, es gab

00:18:09: immer 1000 Lektüren dazu.

00:18:11: Und deswegen müssen wir heute eine

00:18:13: andere Form von Filter einsetzen,

00:18:16: um das Schlechte oder Unangenehme

00:18:18: oder das Ängstliche wegzudrücken.

00:18:20: Und trotzdem eine Resilienz

00:18:22: zu entwickeln und eine

00:18:23: Zukunftszuversicht, die

00:18:25: uns für unsere Kinder und unsere

00:18:26: Enkel dahin bringt,

00:18:28: dass wir das, was wir können,

00:18:30: nämlich Generationen, die eine

00:18:31: Lebenserfahrung haben, ich bin 60

00:18:32: dieses Jahr geworden, das bedeutet

00:18:33: in Japan der Eintritt in die Phase

00:18:35: der Weisheit, was ich sehr schön

00:18:36: finde, das Bild, dass wir jetzt

00:18:38: unsere Erfahrungen zum Wohle

00:18:40: unserer jungen Generation einsetzen.

00:18:43: Und das hat meine Generation

00:18:44: irgendwie verpasst oder vergessen.

00:18:46: Und da arbeite ich im Moment auch

00:18:47: ganz viel daran zu sagen: Wir lernen

00:18:49: so viel voneinander, wenn wir

00:18:51: miteinander reden, und vor allen

00:18:52: Dingen, wenn wir, also meine

00:18:53: Generation, der jungen Generation

00:18:55: zuhören.

00:18:56: Was hilft, zu erkennen,

00:18:58: welche Stärken in uns sind und warum

00:19:00: wir dem auch gewachsen sein können,

00:19:02: damit wir am Ende die Zukunft haben?

00:19:05: Eine Sache, die hilft, ist, sich

00:19:06: selbst nicht so wichtig zu nehmen.

00:19:08: Ich komme ja auch aus einer Zeit,

00:19:09: ich hatte ja 40 Jahre, wunderbares

00:19:10: Leben, also es ging immer aufwärts.

00:19:13: Ich bin die Erste in meiner Familie,

00:19:15: die Abitur gemacht hat, ich habe

00:19:16: eine Karriere gemacht.

00:19:17: Also, es gibt ja fast nichts außer

00:19:20: so ein paar Störgrößen dazwischen,

00:19:21: die jetzt irgendwie komisch waren.

00:19:23: Und ich finde, dass dieses

00:19:25: Leben und eine Dankbarkeit und Demut

00:19:27: dazu gehört, aber auch zu sagen...

00:19:30: Was kann ich denn weitergeben?

00:19:31: Ich bin ehrenamtlich engagiert,

00:19:33: einmal in der Flüchtlingshilfe vor

00:19:34: zehn Jahren.

00:19:35: Und dann die Ahrtallflut, die bei

00:19:37: uns im Nachbartal

00:19:39: alles zerstört hat, was Menschen,

00:19:41: die nie damit gerechnet haben,

00:19:43: betroffen haben. Es sind 138

00:19:44: Menschen gestorben, unter anderem

00:19:46: zwölf behinderte Menschen in

00:19:48: einem Haus, weil sie nicht

00:19:50: rauskamen, weil alle gesagt haben,

00:19:51: es wird nie so ein Hochwasser geben.

00:19:53: Und ich finde, wenn man sich damit

00:19:54: beschäftigt und dann sagt,

00:19:56: was kann ich jetzt tun, ist

00:19:58: man in einer Wirksamkeit.

00:20:01: Nicht unbedingt erst für sich

00:20:02: selbst, in erster Priorität, sondern

00:20:03: erst mal für andere.

00:20:04: Aber das kommt ja alles zurück.

00:20:05: Meine Oma hat gesagt, was du gibst,

00:20:07: kommt zehnfach zurück.

00:20:08: Und ich kann das wirklich an manchen

00:20:10: Dingen total bestätigt fühlen.

00:20:12: Und ich glaube, da müssen wir uns

00:20:14: einfach zurücknehmen von der

00:20:16: Bedeutung. Wir sind einer von X

00:20:18: Milliarden Individuen.

00:20:20: Ich finde, gerade seitdem Jane

00:20:22: Goodall letzte Woche gestorben ist.

00:20:24: Sie hat so viele kluge Sätze gesagt

00:20:26: über das, und sie war immer

00:20:28: schon ein so großes Vorbild.

00:20:30: Und ich finde, wir müssen so dieses

00:20:31: Zurück zur Natur,

00:20:33: alles zusammen ist eine

00:20:35: Studie. Und die Männer, die gerade

00:20:37: hier an der Macht sind und

00:20:39: versuchen, ihre Ängste

00:20:40: wahrscheinlich und ihre gestörten

00:20:42: psychischen Defekte

00:20:44: auszuleben, die haben halt

00:20:46: einfach totale Angst vor uns Frauen.

00:20:48: Und weil sie Angst haben,

00:20:50: reagieren sie so. Ich finde es

00:20:52: lächerlich vor einer Frau,

00:20:54: die 60 ist und 1,60 m groß ist

00:20:56: und auch leicht übergewichtig, Angst

00:20:58: zu haben.

00:20:58: Aber es scheint ja irgendwas bei

00:21:00: Menschen und bei Männern auszulösen,

00:21:02: was die Angst schürt.

00:21:03: Also müssen wir uns damit beschäftigen.

00:21:05: Und wenn wir uns vernetzen und

00:21:06: zusammenbringen, sind wir wieder für

00:21:08: uns selbst wirksam, und gleichzeitig

00:21:10: sind wir wirksam für unsere

00:21:11: Interessen.

00:21:12: Und wenn mir das als Frauen, und

00:21:14: ich sehe hier überwiegend ältere

00:21:16: Frauen, wenn die jungen Frauen auch

00:21:18: noch in unsere Gemeinschaft

00:21:20: inkludiert werden, dann können wir

00:21:22: alles. Wir haben die Welt schon so

00:21:23: oft verändert, aber wir sind halt so

00:21:25: mit uns beschäftigt.

00:21:26: Mit unseren Familien, mit unseren

00:21:28: Eltern, mit den Kindern, mit unseren

00:21:29: Enkeln.

00:21:30: Und mein, ich sag das immer zu

00:21:31: meinen Freundinnen, jetzt kriegt mal

00:21:33: euren Arsch hoch. Wir waren so

00:21:34: politisch, als wir in der Schule

00:21:35: waren, da sind die Grünen gegründet

00:21:37: worden. Jetzt lass uns doch mal

00:21:38: bitte wieder diese Energie

00:21:39: hochholen.

00:21:40: Und jetzt müssen wir es halt eben

00:21:41: für unsere Kinder und

00:21:43: unsere Enkel machen.

00:21:44: Und für uns selbst.

00:21:45: Und ich glaube, wir haben das einfach

00:21:46: durch diesen Wohlstand und durch

00:21:47: diese Selbstgefälligkeit und diese

00:21:51: komfortablen Situationen verlernt

00:21:51: und dann müssen wir es jetzt wieder

00:21:52: neu lernen, wie wir manchmal auch in

00:21:53: der Sprache neu lernen müssen.

00:21:55: Ich glaube, bei den vielen Aufgaben,

00:21:57: die anstehen, kommen wir eigentlich

00:21:59: nicht dran vorbei, dass Leute

00:22:00: Verantwortung übernehmen.

00:22:02: Und ich glaube, da ist gar nicht nur

00:22:04: so, ach, ich habe jetzt keinen Bock,

00:22:06: sondern ich glaube viele trauen sich

00:22:08: auch nicht so richtig.

00:22:09: Was hilft, sich zu

00:22:11: trauen, Verantwortung zu übernehmen?

00:22:14: Es ist für mich fast nicht zu

00:22:15: ertragen, dass in der Generation der

00:22:17: heutigen Gen-Z die

00:22:19: beste Ausbildungsquote und

00:22:21: die höchste Dichte an Fähigkeiten

00:22:23: auch insbesondere bei Frauen ist.

00:22:25: Also ich komme ja selbst aus einer

00:22:26: Zeit, wo das gar nicht so einfach

00:22:28: war, weil so viele Menschen waren

00:22:30: und so wenig Plätze da waren beim

00:22:32: Studieren, beim Ausbilden und ich

00:22:34: habe trotzdem in so einem Umfeld

00:22:36: gearbeitet, wo man immer dazulernen

00:22:39: musste.

00:22:40: Und ich habe so ein bisschen das

00:22:41: Gefühl, dass bei vielen das Lernen

00:22:43: über dem Machen steht.

00:22:45: Also Lernen ist super gut, aber

00:22:46: irgendwann muss man auch mal was

00:22:47: machen. Also man kann ja nicht

00:22:48: tausend Ausbildungen machen und

00:22:50: dieses Machen ist ein bisschen

00:22:51: verloren gegangen. Also man muss

00:22:52: einfach mal machen und man muss sich

00:22:53: auch trauen und wenn man das nicht

00:22:54: selbst kann, wäre es

00:22:56: gut, rauszufinden, warum man das

00:22:58: nicht kann und wenn das nicht

00:23:00: möchte, jemanden zu suchen, der es

00:23:01: kann und sich dann halt eben an

00:23:02: Unterstützung zu holen.

00:23:04: Ich habe ja mit meinem Mann nicht

00:23:05: umsonst das Beratungsunternehmen,

00:23:06: also er hat das gegründet und wir

00:23:07: haben das dann weiterentwickelt zu

00:23:09: einem Beratung und Coaching,

00:23:11: dass ich mich im Wesentlichen mit

00:23:13: Veränderungen und menschenzentrierter

00:23:14: Führung beschäftigt habe.

00:23:16: Und meine Mission ist, dass ich

00:23:17: ausschließlich für Frauen arbeite.

00:23:19: Das ist ein bisschen schizophren,

00:23:20: weil ich mein ganzes Leben ja nur

00:23:21: mit Männern gearbeitet habe.

00:23:23: Aber ich glaube, dass ich deswegen

00:23:25: so andere Impulse geben kann,

00:23:27: weil ich es ja überlebt habe und es

00:23:29: waren fast 40 Jahre und es waren

00:23:30: Knaller dabei.

00:23:31: Also einige von denen, die hier

00:23:32: sitzen, kennen einige von den

00:23:34: Knallern. Und wenn man das eben

00:23:35: überstanden hat, dann gibt es ja

00:23:36: auch eigentlich nichts Besseres als

00:23:38: diese Erfahrung weiterzugeben und zu

00:23:40: sagen, ich gebe Impulse, ich bin

00:23:42: nicht diejenige, die sagt, mach das

00:23:43: so, mach so, sondern impulsiv

00:23:45: und zugewandt

00:23:47: zu sagen: Du schaffst das, versuch

00:23:49: doch mal das.

00:23:50: Und ich habe eine Klientin im

00:23:52: Moment, die Anwältin ist,

00:23:54: die rationalste Person

00:23:55: wahrscheinlich, die da ist, und die

00:23:56: hat halt das Vertrauen in sich

00:23:57: verloren, weil sie vierfache Mutter

00:23:59: ist und keine Anstellung

00:24:01: mehr findet, weil jeder sagt, wer

00:24:02: eine vierfache Mutter ist, dann

00:24:03: bleibt man zu Hause.

00:24:05: Und sie kann aber nicht zu Hause

00:24:06: bleiben und sie ist super gut und

00:24:07: jetzt hat sie es geschafft, bei

00:24:09: einer großen Firma unter die

00:24:10: letzten zwei zu kommen.

00:24:11: Ich erfahre nächste Woche erst, was

00:24:13: daraus geworden ist und das macht

00:24:14: mich so glücklich, weil ich denke

00:24:15: nur durch unsere Gespräche hat

00:24:17: sie's geschafft, da hinzukommen.

00:24:20: Und wenn wir das eben multiplizieren

00:24:21: und wir sind ja jetzt eine

00:24:22: Generation, die ab jetzt

00:24:24: zu zigtausendfach in Rente gehen

00:24:26: wird oder eben aufhört zu arbeiten

00:24:27: oder sich entscheidet, was anderes

00:24:29: zu machen und wenn wir uns alleine

00:24:31: schon auf der großen Anzahl

00:24:34: zusammentun und dieses üben,

00:24:36: sich trauen, unterstützen,

00:24:39: Vertrauen geben und sagen,

00:24:41: das schaffst du schon und wenn es

00:24:42: nicht schafft, dann finden wir was

00:24:43: anderes.

00:24:44: Das glaube ich fehlt so

00:24:46: in der Vereinzelung,

00:24:48: auch des Internets natürlich und der

00:24:49: sozialen Medien, und ich glaube,

00:24:51: wenn wir wieder zurückgehen und

00:24:52: sagen, wir können uns virtuell oder

00:24:53: auch echt vernetzen, so wie hier auf

00:24:55: dieser Messe, dann ist das eine

00:24:57: Bestätigung dessen, dass es einfach

00:24:59: gemeinsam einfacher ist als

00:25:01: alleine.

00:25:02: Du sagst auch, es gibt genug

00:25:03: Führungskräfte, die sich wegducken,

00:25:06: was eigentlich genau nicht der

00:25:08: Gedanke ist, sondern sie sollen

00:25:09: Haltung zeigen.

00:25:11: Wir sind gerade anknüpfend

00:25:13: an den Anfang eben in einer Zeit,

00:25:16: die von einem Krisengefühl geprägt

00:25:18: ist, auch weil Probleme so

00:25:20: lange ignoriert worden sind,

00:25:22: dass sie einem jetzt ganz groß

00:25:23: vorkommen.

00:25:24: Wie kommt man denn dann ins handeln?

00:25:26: Indem man erst mal akzeptiert und

00:25:28: auch transparent aufzeigt, dass es

00:25:30: diese Probleme gibt.

00:25:31: Also ich nehme mal die deutsche

00:25:31: Bahn, ich bin mein Leben lang immer

00:25:33: viel Auto gefahren, ich hasse

00:25:34: Autofahren, ich muss immer zu meinem

00:25:36: Vater fahren, weil es keine

00:25:37: Querverbindung mit der Bahn gibt und

00:25:38: ich versuche alle meine Strecken mit

00:25:40: der Bahn zu machen. Jetzt könnte ich

00:25:41: jedes Mal einen Post machen und

00:25:43: sagen, es gab das oder das oder

00:25:44: das, aber ich sage,

00:25:47: der Mann meiner besten Freundin hat

00:25:48: bei der Bahn gearbeitet, ich habe

00:25:49: gesagt, jetzt sag mir doch mal,

00:25:50: woran liegt das denn?

00:25:51: Und dann erkennst du, dass da ganz

00:25:52: viele Investitionsstaus sind,

00:25:54: dass sie ganz viele Annahmen falsch

00:25:56: getroffen und so weiter und so fort.

00:25:57: Jetzt komme ich ja aus der

00:25:59: Supply-Chain, also für mich ist das

00:26:00: alles logisch.

00:26:01: Und dann mache ich halt Folgendes.

00:26:03: Ich fahre halt einen Tag vorher,

00:26:04: wenn es ganz wichtig ist, dass ich

00:26:06: ankomme. Ich bin letztens nicht

00:26:07: angekommen und bin wieder zurückgefahren,

00:26:09: habe ein virtuelles Meeting gemacht

00:26:10: und ich akzeptiere diesen Missstand.

00:26:12: Weil ich weiß, dass diese armen

00:26:13: Menschen bei der Bahn alles tun, um

00:26:15: diese Situation zu verbessern.

00:26:17: Und nur weil Politiker und Manager

00:26:18: halt Fehlentscheidungen getroffen

00:26:19: haben und dazu nicht mehr stehen

00:26:20: wollen, ist es ja nicht deren

00:26:22: Problem. Und warum kann ich mich

00:26:23: nicht so organisieren, dass ich

00:26:25: einfach mit diesem Mangel

00:26:26: hoffentlich für die nächsten zehn

00:26:28: Jahre nur leben lernen

00:26:29: kann und organisiere

00:26:32: mich drumherum und sage deswegen,

00:26:34: die Bahn ist blöd, die Leute sind

00:26:35: blöd die da arbeiten und die Bahn

00:26:37: ist ja schrecklich und so weiter.

00:26:38: Das ist ja alles schrecklich, das

00:26:39: ist auch alles müßig, aber man kann

00:26:40: ja umplanen.

00:26:41: Also ich habe so viel Puffer in

00:26:43: meinen Reisen und reise zum Beispiel

00:26:45: jetzt nicht heute Abend zurück,

00:26:46: sondern morgen früh um 7, weil je

00:26:48: früher man fährt, umso weniger

00:26:49: Unterbrechungen und Störungen hat

00:26:50: man.

00:26:51: Ich wollte auf dein tolles Stichwort

00:26:53: im Buch kommen.

00:26:54: Wenn die Probleme so riesig sind,

00:26:57: dann hilft es, den Elefant in

00:26:58: Scheiben zu schneiden.

00:27:00: Was meinst du damit, den Elefant in

00:27:02: Scheiben zu schneiden?

00:27:03: Also, wenn Probleme so groß sind wie

00:27:05: zum Beispiel das Bahnproblem, ich

00:27:06: nehme das jetzt trotzdem mal als

00:27:07: Beispiel, damit wir dabei bleiben.

00:27:08: Dann ist die Bahn ja ein

00:27:10: Riesenelefant, der ist ein Mammut

00:27:12: und die Probleme sind

00:27:14: nicht ein Problem oder zwei, die

00:27:15: sind vielleicht tausend.

00:27:17: Und wenn ich jetzt aber sage,

00:27:19: ich mache mich jetzt so verrückt,

00:27:20: dass ich aus diesen tausenden

00:27:21: Problemen eins mache, dann ist

00:27:23: dieser Elefant oder dieses Mammot

00:27:24: unlösbar zu lösen.

00:27:26: Und wenn aber ich da draußen 2.500

00:27:28: Elefantenkinder machen kann, also

00:27:30: in Scheiben geschnitten bedeutet,

00:27:32: Kinder mache, dann kann ich mich um

00:27:33: jedes einzelne kümmern oder nicht

00:27:34: ich. Ich sage,

00:27:36: Julia kann das am besten,

00:27:38: Silvia kann das am besten und dann

00:27:39: hast du den Elefant in Scheiben

00:27:40: geschnitzt und plötzlich hast du

00:27:41: mehrere Menschen, die diese kleinen

00:27:43: Elefatenkinder oder diese

00:27:44: Elefantscheiben bearbeiten können.

00:27:47: Und Manager und auch Manager leben

00:27:49: ja in einer kompletten isolierten

00:27:50: Bubble und denken immer, sie wissen

00:27:52: sowieso alles besser und orientieren

00:27:54: sich ja nicht daran, was tatsächlich

00:27:55: im Leben passiert.

00:27:57: Also das heißt, es fehlt auch die

00:27:58: Reflexion und die Verbindung zur

00:27:59: echten Welt.

00:28:01: Und deswegen werden ja so Probleme

00:28:02: auch so groß gemacht.

00:28:03: Wir sehen das gerade wunderbar in

00:28:05: dieser Regierung, was

00:28:07: für ein Geblubber und was für einen

00:28:08: Quatsch teilweise erzählt wird.

00:28:10: Aber das hilft natürlich erst mal so

00:28:11: einen Eindruck zu schinden, oh Gott,

00:28:13: wenn dieser Mensch diese Probleme

00:28:15: löst, ist er Gott ähnlich, also Herr

00:28:16: Trump kann das ja perfekt.

00:28:18: Und genau so ist es.

00:28:19: Und auch diesem Gespenst, also nur

00:28:21: weil so viel gesprochen

00:28:23: wird darüber, heißt es ja nicht,

00:28:24: dass es wahr ist.

00:28:25: Und ich glaube auch, dass ein

00:28:26: Elefant in Scheiben schneiden

00:28:27: bedeutet, ich kann dann

00:28:31: dahinter kommen, ist das wahr oder

00:28:32: falsch, was wir ja gar nicht kennen.

00:28:34: Also ich bin aus einer christlichen

00:28:36: Familie, da erzählt man halt einfach

00:28:37: die Wahrheit.

00:28:39: Aber heute mit der KI,

00:28:41: mit den Mitteln, die wir haben,

00:28:43: können wir ja auch Fakes so

00:28:44: darstellen, dass sie wahr klingen.

00:28:46: Und damit müssen wir aber erst mal

00:28:47: lernen, umzugehen. Und das hilft

00:28:49: auch einem Elefanten in Scheiben

00:28:50: schneiden, weil man dann eben

00:28:53: dieses Problem kleiner macht,

00:28:55: bearbeitbarer macht und auch

00:28:57: lösbarer.

00:28:58: Gleichzeitig habe ich mich gefragt,

00:28:59: es ist ja schon Arbeit, den Elefant

00:29:02: in Scheiben zu schneiden, also das

00:29:03: Ganze, also, das Problem

00:29:04: aufzudröseln und

00:29:07: wie verhindern wir, dass

00:29:09: wir dann die

00:29:10: ganzen Scheiben am Ende wieder auf

00:29:12: einen elefantengroßen Haufen

00:29:14: stapeln?

00:29:14: Also wie kommen wir dann ins

00:29:16: Handeln? Was ist die Strategie

00:29:17: dafür?

00:29:18: Der Mensch ist faul und bequem.

00:29:19: Wenn du ein Problem gelöst hast, ist

00:29:20: es weg, du vergisst es auch.

00:29:22: Also das ist tatsächlich so, dass

00:29:24: diese, ich habe ganz viele

00:29:26: komplexe Projekte gemacht und

00:29:28: das, was erledigt ist, ist erledigt.

00:29:29: Du hast dann, wenn du, sag ich mal,

00:29:31: zehn oder 15 oder 100 Scheiben

00:29:33: hast, guckst du nur noch die

00:29:34: Scheiben, die da sind und wenn die

00:29:35: erledigt sind, ist das weg.

00:29:36: Wir vergessen ja sehr schnell.

00:29:38: Also unsere Konstruktion ist ja ganz

00:29:40: interessant. Also wer auch immer uns

00:29:41: konstruiert hat als menschliche

00:29:42: Wesen, hat ja ganz viele

00:29:43: interessante Aspekte eingearbeitet

00:29:46: in unser Vermögen.

00:29:47: Und wir können eben mit diesem,

00:29:49: wir haben was geschafft,

00:29:51: haben ja eine Zufriedenheit und

00:29:52: haben dann wieder Energie, was Neues

00:29:53: anzufangen.

00:29:54: Und ich glaube, deswegen ist das

00:29:55: Elefantenschneiden auch so

00:29:57: erfolgreich oder das

00:29:57: Scheibenschneiden, dass ich einfach

00:29:59: vergesse, dass es so viele Scheiben

00:30:01: waren und ich brauche dann gar nicht

00:30:02: mehr zusammenzusetzen.

00:30:03: Wir waren gerade bei Trump, das

00:30:05: führt mich zur nächsten Frage,

00:30:07: dass wir ja gerade erleben, dass

00:30:09: populistische Strömungen immer

00:30:11: stärker werden, nicht nur

00:30:13: in den USA, sondern auch bei uns

00:30:14: und welche Werte

00:30:17: spielen eine Rolle, sich von diesen

00:30:18: Strömung nicht mitreißen zu lassen?

00:30:21: Bei sich zu bleiben.

00:30:22: Also das heißt, eine Haltung auch

00:30:23: für sich zu entwickeln und auch ein

00:30:24: Wertegerüst, was einem die

00:30:26: Möglichkeit gibt zu sagen,

00:30:28: egal was passiert, da bin

00:30:30: ich nicht mehr kompromissbereit.

00:30:32: Also ich bin ja ganz oft gefragt

00:30:33: worden, ihr wisst ja, dass ich ganz

00:30:34: viel in den Medien bin, so was

00:30:36: ist Ihre rote Linie?

00:30:37: Ich finde, ich habe ein bisschen ein

00:30:38: Problem mit roten Linien.

00:30:39: Also wenn man aus der Produktion

00:30:40: kommt, dann weiß man, dass es

00:30:42: halt so rote Linien gibt, wenn ein

00:30:44: Qualitätsproblem so groß ist, kann

00:30:45: man das Produkt nicht mehr weiter

00:30:46: verkaufen. Also da gibt es

00:30:47: verschiedene Dinge, aber das hat mir

00:30:49: trotzdem geholfen.

00:30:50: Ich bin ja ein komplett anderes

00:30:52: Exemplar von Managerin gewesen

00:30:54: in meinem ganzen Konzernleben als

00:30:56: die meisten anderen.

00:30:57: Und das war, weil ich sehr

00:30:59: intuitiv, lustgetrieben,

00:31:01: aber auch gesagt habe, ich mache nur

00:31:02: was, was ich wirklich gerne

00:31:04: machen möchte, auch wenn es

00:31:05: schwierig ist oder wo ich mich

00:31:07: ausprobieren möchte.

00:31:08: Und das heißt, bei sich zu bleiben,

00:31:10: authentisch zu sein, wird mir oft

00:31:11: zurückgespiegelt.

00:31:12: Ich bin total neugierig.

00:31:14: Ich will immer was ausprobieren, ich

00:31:15: will immer noch was dazulernen.

00:31:17: Ich überlege jetzt, ob ich in zwei

00:31:18: Jahren vielleicht noch mal ein

00:31:19: Studium machen möchte, weil ich ja

00:31:21: nie studiert habe.

00:31:22: Aber mir fällt doch immer irgendwas

00:31:23: ein.

00:31:24: Und ich finde, wenn man sich damit

00:31:25: beschäftigt, was man alles so kann,

00:31:27: dann hat man auch...

00:31:29: Jeder Mensch hat ja Talente.

00:31:30: Und wenn ich mich auf diese Stärken

00:31:32: und auf diese Talente besinne und

00:31:33: die ausarbeite, und das kann

00:31:35: ich für alle die sagen, die noch

00:31:37: keine 60 sind, dass je älter man

00:31:38: wird, umso einfacher wird es, kann

00:31:40: man dann das ausleben, was man

00:31:42: machen möchte und probiert sich neu

00:31:43: aus. Weil das konnten unsere Eltern

00:31:45: und unsere Großeltern nicht.

00:31:46: Die mussten überleben, die mussten

00:31:48: aufbauen, die mussten Geld

00:31:49: verdienen, mussten fleißig sein.

00:31:51: Die haben uns aber diese

00:31:51: Glaubenssätze mitgegeben.

00:31:53: Und jetzt müssen wir die halt mal

00:31:54: nacheinander abarbeiten, ob die noch

00:31:56: relevant sind oder nicht.

00:31:58: Und daran arbeitet halt meine ganze

00:31:59: Generation jetzt.

00:32:01: Leider teile ich überhaupt nicht,

00:32:02: weil sie sich einfach denken,

00:32:04: wunderbar, diese Glaubensätze sind

00:32:05: eh schon in der Welt, dass Männer

00:32:07: besser sind als Frauen und dass

00:32:08: Frauen zurückgehören an den Herd und

00:32:10: so weiter und so fort.

00:32:11: Aber das sind halt Glaubessätze und

00:32:12: die stimmen ja nicht, nur weil sie

00:32:14: irgendwann aus einer anderen Zeit

00:32:15: kommen.

00:32:16: Du sagst, wir brauchen eine

00:32:17: Erzählung von einer Zukunft, in der

00:32:19: man gern leben möchte.

00:32:21: Was gehört für dich

00:32:23: zu dieser Zukunft, in der man gerne

00:32:25: ist?

00:32:25: Frieden. Sicherheit

00:32:28: und Freundschaft und Zugewandtheit

00:32:30: und Zuhören und Respektieren,

00:32:33: dass jeder Mensch was kann,

00:32:35: was ein anderer vielleicht nicht

00:32:36: kann und dass man insbesondere

00:32:39: wir, also ich, der

00:32:41: jungen Generation zuhört und

00:32:43: sie unterstützt.

00:32:44: Ich habe das selbst erfahren, als

00:32:45: ich jung war und ich habe nicht

00:32:46: vergessen, wer mir geholfen hat.

00:32:48: Ich habe gerade heute noch erzählt

00:32:49: von einer Führungskraft, die

00:32:51: wahrscheinlich schon gestorben ist.

00:32:52: Ich weiß gar nicht, ob es sie noch

00:32:53: gibt und der mir aber so

00:32:55: Tipps gegeben hat, die bis heute

00:32:57: mein Leben bestimmen.

00:32:58: Was ich nicht wusste und was er

00:33:00: nicht weiß.

00:33:01: Aber zu sagen, ich nehme mich selbst

00:33:02: nicht so wichtig, ich gucke nach

00:33:04: vorne, es gibt immer was, was man

00:33:06: tun kann und es ist nie

00:33:08: alternativlos.

00:33:09: Ich habe gekündigt,

00:33:11: ohne Abfindung, ohne alles,

00:33:13: in vollem Besitz meiner geistigen

00:33:14: Kräfte, weil das die einzige

00:33:16: Ausstiegsmöglichkeit war, weil meine

00:33:17: Firma Bosch hatte leider keine

00:33:18: kreativen anderen Ansätze.

00:33:20: Ich hätte auch, ich hätte gern was

00:33:21: anderes gehabt, aber ich hadere auch

00:33:23: nicht. Ich finde,

00:33:25: wir hadern und jammern und verharren

00:33:26: ja in Situationen, die wir eh nicht

00:33:28: ändern können.

00:33:29: Hadern ist keine gute Taktik.

00:33:31: Also wenn wir in eine gute Zukunft

00:33:32: kommen, dann sollten wir ins Machen

00:33:34: kommen und nicht mehr nur reden.

00:33:50: Danke, dass du dabei warst.

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