Weibliche AD(H)S: Wie Frauen mit AD(H)S erfolgreich und selbstbewusst leben und arbeiten können

Shownotes

Bin ich einfach „schlecht organisiert“ – oder steckt mehr dahinter? Warum bin ich im Hyperfokus unschlagbar, scheitere aber an „kleinen“ Aufgaben wie Aufräumen oder Formularen? Habe ich AD(H)S?

In dieser Folge spricht herCAREER-Redakteurin Kristina Appel mit AD(H)S-Expertin und Psychiaterin Dr. Neuy-Lobkowicz u.a. darüber, warum so viele Frauen mit AD(H)S unsichtbar bleiben. Warum Frauen oft mit Depression, Burn-out oder „Erschöpfung“ behandelt werden – und trotzdem das Gefühl behalten, sie seien „Therapieversagerinnen“. Und was passiert, wenn irgendwann jemand hinschaut und sagt: Das ist AD(H)S.

„ADS ist erst mal eine besondere Art zu sein – mit einem ganz eigenen Stärken- und Schwächeprofil.“ - Dr. Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie, Mitglied im Vorstand des Bundesverband ADHS-Deutschland

_Du erfährst unter anderem: _

  • Was weibliche AD(H)S von dem bekannten „Zappelphilipp“-Bild unterscheidet – und warum es so viele Jahre dauert, bis Frauen überhaupt getestet werden.

  • Wie sich AD(H)S über den Lebenslauf zeigt: Schulzeit, Studium, Care-Arbeit, Mutterschaft, Menopause – und warum Hormone dabei so eine große Rolle spielen.

  • Warum unbehandelte AD(H)S die Lebenserwartung von Frauen verkürzen kann – durch Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Bluthochdruck, Übergewicht und Essstörungen.

  • Wie sich AD(H)S im Job äußern kann: Chaos im Postfach, verlegte Unterlagen, emotionale Überreaktionen – und welche Rahmenbedingungen neurodiverse Menschen wirklich unterstützen.

  • Was eine leitliniengerechte Diagnostik ausmacht.

Die gute Nachricht: „AD(H)S ist unglaublich gut zu behandeln.“
Wir sprechen darüber, wie sich AD(H)S-medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien, strukturierende Therapie, Skills und Alltagstricks sinnvoll ergänzen

Sie plädiert für mehr Wissen in Medizin, Psychiatrie und an Universitäten, eine Arbeitswelt, die neurodiverse Menschen ernst nimmt, und dafür, dass Betroffene ihre Rechte in Praxen selbstbewusst einfordern. Sie zeigt Wege, wie Frauen mit AD(H)S ein Leben aufbauen können, das zu ihrem Gehirn passt – statt sich weiter an Normen aufzureiben, die nie für sie gemacht waren.

** Weiterführende Links: **

Astrid Neuy-Lobkowicz: „Weibliche AD(H)S. Wie Frauen mit AD(H)S stabil, erfolgreich und selbstbewusst leben können“ (Herder / Penguin Random House)

Interview mit herCAREER: Frauen mit AD(H)S: Weil sie weniger auffallen, erhalten sie seltener eine Diagnose

Praxis & ADHS-Zentrum München (Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz)

Praxis Neuy-Lobkowicz

[ADHS-Zentrum München] [Infos zur Leitung]

Bundesverband / Selbsthilfeorganisation

ADHS Deutschland e.V. (Bundesverband, Selbsthilfegruppen, Beratung): https://www.adhs-deutschland.de oder direkt im ADHS-Netz

Über herCAREER Voice

Der Podcast herCAREER Voice liefert wertvolle Einblicke in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, immer verknüpft mit persönlichen Erfahrungen und vor allem aus weiblicher Perspektive. Wechselnde Moderator:innen und Gäst:innen aus unterschiedlichen Unternehmen, Redaktionen und Arbeitsumfeldern bieten vielseitige und praxisnahe Erfahrungswerte für die Hörer:innen. https://www.her-career.com/podcast

herCAREER ist die führende Plattform für die weibliche Karriere. Hier erwartet dich ein einzigartiges Netzwerk mit individuellen Job-Chancen und jede Menge inspirierender Content wie Podcasts, Vorträge und Panels live auf herCAREER Expo oder online im Rahmen unserer herCAREER Academy. Wir heißen alle Menschen willkommen – im Besonderen Frauen, denen wir die Chance geben, von diesem besonderen Möglichkeitsraum zu profitieren. https://www.her-career.com

Dieses Gespräch wurde im Rahmen der herCAREER Expo 2025 aufgezeichnet und als Podcast aufbereitet.

Mehr über die herCAREER Expo unter www.her-career.com/expo

Projektleitung: Natascha Hoffner Redaktion: Kristina Appel Produktion: Bernhard Hiergeist

Transkript anzeigen

00:00:00: Wir wissen seit über

00:00:02: 23 Jahren, dass es

00:00:04: ADS bei Erwachsenen gibt und eine

00:00:05: hohe Bedeutung hat.

00:00:06: Drei bis vier Frauen bleiben

00:00:08: unerkannt, damit aber bekommen

00:00:10: die auch keine Hilfe, sie werden

00:00:11: nicht erfasst.

00:00:12: Und das führt eben doch zu einer

00:00:14: deutlich verringerten

00:00:15: Lebenserwartung, die zum Teil

00:00:16: geringer ist als bei vielen

00:00:17: Krebserkrankungen.

00:00:19: Deswegen muss eigentlich auch jeder

00:00:20: Hausarzt wissen, was ADS ist.

00:00:36: Willkommen beim HerCareer-Podcast.

00:00:38: Du interessierst dich für aktuelle

00:00:40: Diskurse aus Wirtschaft,

00:00:41: Wissenschaft, Politik und

00:00:43: Gesellschaft und das insbesondere

00:00:44: aus einer weiblichen Perspektive?

00:00:46: Vielleicht wünschst du dir

00:00:47: persönliche Einblicke in den

00:00:49: Arbeitsalltag von Menschen und

00:00:50: Unternehmen, die sich dem

00:00:51: gesellschaftlichen und

00:00:52: wirtschaftlichen Wandel stellen?

00:00:54: Dann bist du hier genau richtig.

00:00:59: ADHS ist eine besondere Art zu

00:01:02: sein, mit einem ganz eigenen

00:01:04: Stärken- und Schwächeprofil.

00:01:06: Das sagt die Fachärztin für

00:01:07: Psychosomatik und Psychotherapie

00:01:09: Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz.

00:01:11: Zunächst muss sie aber erkannt

00:01:13: werden. Und das ist bei Frauen oft

00:01:15: sehr spät oder gar nicht der Fall.

00:01:17: Im Live-Gespräch erklärt die

00:01:18: Expertin, warum Frauen so oft durchs

00:01:20: Raster fallen, welche Eigenschaften

00:01:22: und Symptome auf ADHS hinweisen

00:01:24: können und was für Frauen alles

00:01:26: möglich wird, wenn irgendjemand

00:01:27: genau hinschaut und sagt, das

00:01:29: ist ADHS.

00:01:36: Herzlich willkommen, hallo zusammen,

00:01:38: ich freue mich riesig.

00:01:40: Hi, ich bin Kristina Appel, ich

00:01:41: schreibe freiberuflich für

00:01:42: HerCareer, ich bin Journalistin

00:01:44: mit dem Schwertpunkt Chancengerechtigkeit

00:01:46: und ich freue mich ganz besonders

00:01:48: heute hier willkommen zu heißen:

00:01:50: Dr. Astrid

00:01:52: Neuy-Lobkowicz. Sie sind Fachärztin

00:01:53: für Psychosomatik und

00:01:54: Psychotherapie.

00:01:56: Sie haben das ADHS-Zentrum in

00:01:57: München gegründet und sind unter

00:01:59: anderem Mitglied im Vorstand des

00:02:00: Bundesverbands ADHS Deutschland.

00:02:03: Seit mehr als 25 Jahren haben Sie

00:02:05: Erfahrung zum Thema ADHS, sowohl

00:02:07: in der eigenen Familie als auch im

00:02:08: Beruf und Sie sind eine der

00:02:10: wenigen, die sich lautstark für mehr

00:02:12: Wissen und Bewusstsein für diese

00:02:14: Erkrankung, diese

00:02:15: Spektrumserkrankung einsetzt,

00:02:17: insbesondere bei Erwachsenen und

00:02:18: Frauen.

00:02:20: Denn Überraschung: Bei Frauen wird

00:02:22: ADHS meist sehr spät

00:02:24: oder gar nicht erkannt und

00:02:27: was das für Folgen hat, werden wir

00:02:28: heute noch besprechen.

00:02:30: Bevor wir über das Buch und die

00:02:31: Themen dieses Buchs sprechen,

00:02:33: "Weibliche ADHS.

00:02:34: Wie Frauen mit ADHS erfolgreich,

00:02:35: selbstbewusst und stabil leben

00:02:37: können", klären wir vielleicht

00:02:38: erstmal die Begriffe.

00:02:40: Es gibt ADS, es gibt ADHS.

00:02:43: Es gibt auf dem Titel des Buches die

00:02:44: Schreibweise AD - in Klammern:

00:02:46: H - S.

00:02:48: Was eint diese Begrife

00:02:50: und wie unterscheiden sie sich?

00:02:53: Eigentlich ist es eine falsche

00:02:54: Nomenklatur, weil es hat sich jetzt

00:02:56: ADHS durchgesetzt als ein

00:02:58: Überbegriff und das heißt

00:03:02: Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom.

00:03:03: Eigentlich ist das falsch, weil die

00:03:06: Hyperaktivität ist eine Sonderform

00:03:07: der ADHS

00:03:08: und es müsste eigentlich

00:03:10: Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom

00:03:11: heißen, und das Problem

00:03:13: ist jetzt gerade bei Frauen, dass

00:03:14: die Frauen ja oft den unaufmerksamen

00:03:16: Typ haben.

00:03:17: Und dann müsste man eigentlich

00:03:19: sagen, "die haben ein

00:03:19: Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperktivitätssyndrom

00:03:22: ohne Hyperaktivität".

00:03:24: Das ist ziemlich unsinnig und

00:03:26: deswegen steht bei mir das H in

00:03:27: Klammern.

00:03:29: Das ist ja auch genau das Problem,

00:03:31: dass eben viele Frauen mit diesem

00:03:33: unaufmerksamen Typ nicht erkannt

00:03:34: werden, weil der ist eben nicht

00:03:36: laut, der ist nicht ungestüm,

00:03:38: der ist nicht so offensichtlich.

00:03:40: Sondern der ist eher verträumt,

00:03:42: der ist langsam manchmal, der

00:03:45: is vergesslich,

00:03:46: schlecht organisiert, man kommt

00:03:48: schwer in die Gänge und das ist sehr

00:03:50: unauffällig.

00:03:51: Und deswegen, und das is wirklich

00:03:52: ein Nachteil für die Frauen, werden

00:03:54: die Frauen auch vier Jahre später im

00:03:56: Schnitt diagnostiziert als die

00:03:57: Männer.

00:03:58: Und wir haben das, gerade im

00:03:59: Kindesalter ist das besonders

00:04:01: dramatisch, wir wissen, dass es etwa

00:04:03: gleichverteilt ist.

00:04:04: Dass es bei Frauen etwa gleich

00:04:05: häufig vorkommt wie bei Männern,

00:04:07: aber im Jugendalter

00:04:09: diagnostizieren wir auf drei bis

00:04:11: vier Jungs eine Frau.

00:04:13: Das heißt, drei bis vier Frauen

00:04:15: bleiben unerkannt, damit aber

00:04:17: bekommen sie auch keine Hilfe, sie

00:04:18: werden nicht erfasst und

00:04:20: die Symptomatik der ADHS nimmt

00:04:22: dann weiter ihren Lauf und

00:04:24: leider oft auch einen schlechten,

00:04:26: weil man so, wenn man von ADS

00:04:28: betroffen ist, einfach nicht

00:04:30: so gut performen kann, nicht weil

00:04:32: man dumm ist, sondern weil man

00:04:33: extrem ablenkbar ist, weil man

00:04:34: Konzentrationsstörungen hat,

00:04:36: weil man sich schlecht organisieren

00:04:38: kann, weil man extrem

00:04:40: ablenkbar ist und wenn das nicht

00:04:42: erkannt wird, ja, ist man einfach,

00:04:44: schneidet man oft ein bis zwei

00:04:46: Schulabschlüsse unter dem eigenen

00:04:47: Potenzial ab, und das macht

00:04:49: natürlich ganz viel aus, auch für

00:04:50: das weitere Leben.

00:04:53: Und für das Selbstbewusstsein, ja.

00:04:55: Mit dem wachsenden Bewusstsein für

00:04:56: Gendermedizin, was es ja Gott sei

00:04:58: Dank gibt, wird jetzt auch die

00:04:59: Genderkomponente bei ADHS öfter

00:05:01: besprochen.

00:05:02: Sie haben gerade gesagt, warum es

00:05:04: später und seltener diagnostiziert

00:05:06: wird, aber müsste sich die Medizin

00:05:08: nicht längst angepasst

00:05:10: haben?

00:05:11: Ja, die Medizin müsste sich ADS auch

00:05:13: längst angepasst haben.

00:05:14: Ich sage das immer wieder.

00:05:16: Wir wissen seit über 23

00:05:18: Jahren, dass es ADS bei Erwachsenen

00:05:20: gibt und eine hohe Bedeutung hat.

00:05:22: Und das ist jetzt auch nicht selten.

00:05:23: ADS ist...

00:05:24: Etwa 3,5 bis 4,5

00:05:26: Prozent der Bevölkerung

00:05:29: in Deutschland, in Mitteleuropa hat

00:05:31: ADHS. Das sind schlappe drei bis

00:05:33: vier Millionen Menschen in

00:05:34: Deutschland.

00:05:35: Und die werden einfach nicht erkannt

00:05:37: und nicht diagnostiziert.

00:05:38: Wir haben ja jetzt zum Glück im

00:05:40: Internet, Social Media publiziert

00:05:42: viel darüber, aber ich erlebe das

00:05:44: eben ganz oft, dass Menschen ganz

00:05:46: verzweifelt sind, weil sie niemanden

00:05:48: finden, der das diagnostiziert und

00:05:49: behandelt.

00:05:50: Und für Frauen ist das eben noch

00:05:52: viel schlimmer, weil die einfach im

00:05:53: späteren Leben, also wenn sie

00:05:56: älter sind im Erwachsenenleben,

00:05:58: einfach die Diagnose nicht bekommen,

00:05:59: sondern dann eher so in die Richtung

00:06:00: Depression, Burnout, Erschöpfung

00:06:03: diagnostiziert werden, dann

00:06:04: ewig mit Antidepressiva behandelt

00:06:06: werden, die Kindheit bearbeitet

00:06:08: wird, die psychosomatische

00:06:09: Klinik, dass sie so relaxen sollen.

00:06:12: Aber das ist alles nicht das, was

00:06:13: die ADS-Frauen und auch die

00:06:15: ADS-Betroffenen brauchen.

00:06:17: Das ist oft ganz dramatisch.

00:06:18: Ich sehe oft zehn Jahre, die ins

00:06:20: Land gehen mit Behandlung.

00:06:21: Das heißt, ich sehe so gut wie keine

00:06:22: unbehandelte ADS-Frau oder ADS-Mann,

00:06:25: sondern die sind fast alle in

00:06:26: Behandlungen und es kommt niemand

00:06:28: drauf und es wird eben auch nicht

00:06:30: so behandelt, wie es behandelt

00:06:31: werden müsste.

00:06:33: Sie nennen im Buch ADHS eine

00:06:35: "neurobiologische Besonderheit".

00:06:37: Es gibt auch sehr viel andere

00:06:38: Framings, in den Medien gerade sehr

00:06:40: stark diese Superpower.

00:06:42: Es gibt den "Zappelphilipp" und es

00:06:43: gibt die "Superpower" und es gibt

00:06:45: dann das wirklich, finde

00:06:47: ich, sehr wohlige

00:06:49: "neurobiologie Besonderheit".

00:06:51: Wie habe ich denn jetzt mit dieser

00:06:54: Spektrumserkrankung

00:06:56: umzugehen?

00:06:57: Ich sage immer, ADS ist erstmal eine

00:06:59: besondere Art zu sein.

00:07:01: Das Spektrum, das ist so,

00:07:03: stellen Sie sich das vor, es ist

00:07:04: eine Besonderheit, mit der man auf

00:07:05: die Welt kommt.

00:07:06: Wir sind halt nicht alle gleich.

00:07:08: Und das geht von dieser besonderen

00:07:10: Art zu sein bis hin zu schweren

00:07:12: Krankheitsbildern.

00:07:13: Und man liegt irgendwo dazwischen.

00:07:16: Und wenn man ADS hat und gut damit

00:07:17: zurechtkommt, Künstler ist,

00:07:20: irgendwo einen Platz für sich

00:07:21: gefunden hat, wo man auch ein

00:07:22: bisschen verrückt und ein bisschen

00:07:24: ausgefallen, originell sein kann,

00:07:26: kommt man damit klar.

00:07:27: Wenn man aber ein stark ausgeprägtes

00:07:29: ADS hat, kommt man nicht klar,

00:07:31: sondern man hat schon Probleme in

00:07:32: der Schule, man hat Probleme mit der

00:07:34: Ausbildung, man hat Probleme seine

00:07:35: Gefühle zu regulieren, man hat

00:07:37: Probleme sich zu organisieren,

00:07:39: rechtzeitig in die Gänge zu kommen.

00:07:41: Und das sind alles ständige,

00:07:43: dass schreddert ständig

00:07:44: Selbstwertgefühle.

00:07:45: Also das, was wir sehen, im

00:07:47: Erwachsenenalter, ist, dass ADS

00:07:49: zu 80 Prozent weitere seelische

00:07:51: Erkrankungen hervorruft, vor allem

00:07:53: die Depression und Angststörung.

00:07:55: Das kann man sich ja auch gut

00:07:56: erklären.

00:07:57: Wenn man dauernd, wenn man was

00:07:58: machen will und kann nicht anfangen,

00:08:00: wenn man schon wieder was nicht

00:08:01: findet, wenn schon wieder etwas sich

00:08:02: nicht behalten hat, wenn man alles

00:08:04: schon wieder auf den letzten Drücker

00:08:05: gemacht hat, etwas nicht zu Ende

00:08:07: bekommt, man schon oft gesagt

00:08:09: bekommen hat, du könntest doch, wenn

00:08:10: du wolltest, oder streng dich doch

00:08:12: mal an. Das ist etwas,

00:08:14: wo das Selbstwertgefühl gar nicht

00:08:15: erst entsteht und man kommt dann oft

00:08:17: schon ganz angeschlagen im

00:08:19: Erwachsenenalter an, und da geht es

00:08:20: gerade so weiter. Und je älter man

00:08:21: wird, desto mehr wird ja verlangt,

00:08:23: dass man sich organisiert, dass man

00:08:25: so sein Leben auf der Reihe hat,

00:08:27: dass man aufräumen kann, dass

00:08:29: man zuverlässig ist, ja?

00:08:31: Und das sind Planungsfunktionen.

00:08:33: Und ADS, das wissen wir,

00:08:35: ist eine, hat ein Problem mit

00:08:37: der Planungsfunktion und mit der

00:08:38: Selbststeuerung.

00:08:40: Und genau da müssen wir eben auch

00:08:42: Therapie ansetzen, genau da müssen

00:08:44: wir auch eventuell medikamentöse

00:08:45: Behandlung ansetzen.

00:08:48: Nicht in der Kindheit. Das ADS ist

00:08:49: nicht entstanden durch irgendwelche

00:08:51: Kindheitskonflikte oder Traumata.

00:08:53: Denn das ADS bringt man mit auf die

00:08:54: Welt. Über 80 Prozent der

00:08:56: ADS-Betroffenen haben das

00:08:58: geerbt.

00:08:59: Meistens findet man noch mehrere

00:09:00: ADS-Betroffene in der Familie.

00:09:03: Und mit dieser besonderen Art zu

00:09:04: sein, das ist mir immer ganz

00:09:06: wichtig, hat man so ein anderes

00:09:07: Stärken- und Schwächeprofil.

00:09:08: Man hat auch enorme Stärke.

00:09:10: Man kann originell denken,

00:09:12: man kann mehr wahrnehmen.

00:09:14: Man ist kreativer, man hat

00:09:16: oft auch eine große Power.

00:09:18: Aber es ist eben nicht nur die

00:09:20: Superpower.

00:09:21: Die Leute, die die Superpower haben,

00:09:23: in ihrem Leben zurechtkommen, die

00:09:24: sehen wir gar nicht.

00:09:25: Das Problem sind die Leute,

00:09:28: die nicht anfangen können,

00:09:29: die eben ständig immer wieder

00:09:31: an den Kleinigkeiten des Lebens

00:09:33: scheitern, weil sie den ganz

00:09:34: normalen Alltag nicht bewältigen

00:09:35: können.

00:09:36: Und das ist dann dramatisch, weil

00:09:38: es summieren sich im Laufe des

00:09:40: Lebens Misserfolge, Niederlagen,

00:09:42: Erkrankungen, Ablehnung, Kritik,

00:09:44: das ist sicherlich einer der Gründe,

00:09:46: warum wir diese hohe Rate von

00:09:47: Depressionen und Angststörungen

00:09:48: haben, insbesondere bei Frauen.

00:09:51: Jetzt bin ich ja eine von den

00:09:53: Frauen, die schon seit sehr, sehr

00:09:54: vielen Jahren in Therapie ist, und

00:09:55: die eventuell auch durch dieses Buch

00:09:57: den Anstoß erhalten hat, sich mal

00:09:59: anderwertig mit der Diagnostik

00:10:01: zu befassen.

00:10:03: Und sehr, sehr viele Menschen in

00:10:04: meinem Umfeld haben gefragt, ja,

00:10:05: aber was würde sich denn für dich

00:10:06: ändern, wenn du es wüsstest?

00:10:08: Was würde sich dann ändern, du

00:10:09: bleibst du?

00:10:10: Warum kann es so wichtig sein,

00:10:13: eine offizielle Diagnose zu

00:10:14: erhalten?

00:10:16: Da ändert sich dramatisch was bei

00:10:17: den meisten, also ich erlebe ganz

00:10:19: oft, dass ADS-Betroffene zu mir

00:10:20: kommen und wenn sie die Diagnose

00:10:22: bekommen, passiert etwas ganz

00:10:23: Merkwürdiges.

00:10:24: Sie lachen und weinen gleichzeitig.

00:10:26: Sie sind auf der einen Seite

00:10:27: unendlich erleichtert, dass sie

00:10:29: endlich mal eine Erklärung haben für

00:10:31: das, woran sie immer in ihrem Leben

00:10:32: scheitern oder was so schwierig ist.

00:10:34: Und sie weinen aber auch darüber,

00:10:36: sagen, warum denn erst jetzt?

00:10:37: Ich renne doch schon zehn Jahre in

00:10:39: Therapie, ich war doch schon in zwei

00:10:40: Kliniken, ich habe doch schon alle

00:10:41: Antidepressiva durch.

00:10:42: Wieso hat das denn keiner vorher

00:10:44: gesehen?

00:10:45: Und das ist oft sehr erschütternd,

00:10:46: wenn ich das vor zehn

00:10:48: Jahren entdeckt hätte, hätte ich ja

00:10:49: vielleicht mein Studium geschafft

00:10:50: oder wäre meine Ehe nicht zerbrochen

00:10:52: oder ich hätte das mit den Kindern

00:10:53: besser hinbekommen.

00:10:54: Das ist so eigentlich das Schlimme,

00:10:55: ADS ist unglaublich gut zu

00:10:57: behandeln.

00:10:58: Und der allererste Schritt ist, dass

00:10:59: man weiß, dass man ADS hat und

00:11:01: auch sich besser versteht, wie man

00:11:03: tickt. Ich sage immer, man muss

00:11:04: verstehen, was ADS

00:11:06: ist, wo man anders ist.

00:11:07: Man ist in ganz vieler Beziehung

00:11:08: anders. Man nimmt anders wahr,

00:11:10: man reagiert anders, man fühlt

00:11:12: anders, heftiger, überschießender.

00:11:15: Und das gibt mir einfach dann auch

00:11:17: ganz viele Erklärungen, warum es

00:11:19: in meinem Leben manchmal so

00:11:20: schwierig war.

00:11:21: Und das hilft mir wieder, mich

00:11:22: selber besser zu verstehen oder auch

00:11:24: andere Gebrauchsanweisungen dafür zu

00:11:25: geben. Und man kann ADS eben

00:11:27: sehr gut behandeln, nicht mit

00:11:29: Antidepressiva, sondern mit

00:11:30: Stimulantien.

00:11:31: Das ist dann tatsächlich Ritalin und

00:11:32: Dexamphetamin.

00:11:34: Ist die Empfehlung als allererstes,

00:11:36: das zu machen.

00:11:37: Und was dann passiert, ist oft ein

00:11:38: Wunder. Also ich könnte jetzt endlos

00:11:40: Mails von meinen Patienten schicken

00:11:41: und zeigen, die sagen, boah.

00:11:43: Jetzt konnte ich zum ersten Mal ein

00:11:45: Buch lesen, jetzt konnte ich zum

00:11:46: ersten mal dabei bleiben, ich konnte

00:11:48: zum ersten Mal, ich habe mir

00:11:49: vorgenommen, ich räume mein Zimmer

00:11:50: auf und ich habe es echt gemacht.

00:11:51: Das ist oft wie fünfmal Weihnachten.

00:11:53: Und jetzt habe ich endlich mal das

00:11:55: Gefühl, ich kann das, was ich will,

00:11:57: umsetzen, auf die Straße bringen.

00:11:59: Das hat oft natürlich so was ganz

00:12:01: Beglückendes, aber auch was sehr

00:12:02: Trauriges.

00:12:03: Warum erst jetzt?

00:12:05: Und da müssen wir einfach ansetzen,

00:12:06: zu sagen, wieso erst jetzt, wieso

00:12:08: wird die Frau Mitte 40 oder

00:12:10: vielleicht wird sie auch nie

00:12:10: entdeckt? Dann ist es noch

00:12:12: schlimmer, weil wenn Sie die dritte

00:12:13: Therapie machen und Sie können immer

00:12:15: noch nicht anfangen, können Sie sich

00:12:16: immer noch nicht konzentrieren und

00:12:17: immer noch nicht aufräumen, dann

00:12:18: denken Sie, Sie sind der

00:12:19: Therapieversager, aber eigentlich

00:12:21: hat Ihr Therapeut versagt und Ihr

00:12:23: Psychiater, weil er das nicht

00:12:24: entdeckt hat und Sie auch nicht

00:12:26: entsprechend der Leitlinie -

00:12:28: Leitlinien sind immer die wichtigsten

00:12:29: Behandlungsempfehlungen der Medizin.

00:12:31: Leitlinie sagt als allererstes

00:12:33: medikamentöse Behandlungen und dann

00:12:34: kucken, und wer dann noch was

00:12:36: braucht, Verhaltenstherapie,

00:12:38: aber bitte bei einem Therapeuten,

00:12:39: der weiß, was ADS ist und der Sie da

00:12:41: abholen kann, wo sie ein Problem

00:12:42: haben.

00:12:44: Dass es bei Frauen häufig

00:12:46: erst in den 40ern passiert,

00:12:48: ist ja höchstwahrscheinlich

00:12:50: hormoneller Natur, könnte ich

00:12:52: mir vorstellen. Beziehungsweise wir

00:12:53: haben im Vorgespräch darüber

00:12:55: gesprochen, wie stark

00:12:57: der Einfluss der hormonellen

00:12:59: Schrankungen auf die ADHS sein

00:13:01: kann.

00:13:02: Also ADSler sind sehr auslenkbar,

00:13:04: von allem.

00:13:05: Also jetzt zum Beispiel Supergau für

00:13:06: die ADS'ler, diese ständigen

00:13:09: Geräusche, man

00:13:11: hat kein Reizfeld

00:13:13: als ADS'ler, es strömt alles gleich

00:13:15: wichtig auf einen ein.

00:13:16: Also das hier ist so der Supergau

00:13:18: für einen ADS'ler, überall Gewusel,

00:13:20: überall Geräusch, überall Licht,

00:13:22: überall neue Eindrücke und

00:13:25: das ADS-Gehirn kann da

00:13:26: nicht Unwichtiges ausblenden,

00:13:28: sondern es kommt alles gleichwichtig

00:13:30: auf der Festplatte an.

00:13:31: Wir sehen verschiedene

00:13:33: Bereiche, was für Frauen vor

00:13:35: allen Dingen schwierig ist.

00:13:36: Das ist einmal die Pubertät, aber

00:13:38: dann auch dieses in der

00:13:39: Ausbildung, im Studium Ankommen.

00:13:41: Wir sehen, Frauen

00:13:43: machen oft noch ein ganz gutes Abi,

00:13:44: wenn sie unter guten Bedingungen

00:13:46: groß werden und intelligent sind.

00:13:47: Da unterlaufen sie tatsächlich die

00:13:49: Diagnosekriterien, weil die

00:13:51: Diagosekriterien sind: Bis zum 12.

00:13:53: Lebensjahr muss das ADS nachweisbar

00:13:55: sein. Viele Frauen haben das nicht

00:13:56: und deswegen kriegen auch viele

00:13:57: Frauen die Diagonose nicht.

00:13:59: Man muss auch wissen, die Diagnose

00:14:01: ist für hyperaktive Jungs gemacht

00:14:02: und nicht für unaufmerksame Frauen.

00:14:05: Und viele Ärzte sagen, die

00:14:07: liegt unterm Score, die hat kein

00:14:08: ADS.

00:14:09: Also wir sehen da nochmal einen

00:14:10: ganzen Schwung von scheiternden

00:14:12: Frauen, leider im Studium oder in

00:14:14: der Ausbildung, die auf sich

00:14:15: gestellt sich da nicht mehr

00:14:16: organisieren können, die so an den

00:14:18: Kleinigkeiten scheitern, nicht

00:14:20: aufräumen können, nicht regelmäßig

00:14:22: zur Uni gehen können, nicht

00:14:23: rechtzeitig die Bachelorarbeit

00:14:25: anfangen können.

00:14:26: Dann sehen wir nochmal die Frauen,

00:14:27: wenn sie Kinder bekommen.

00:14:30: Ja, die Kinder haben natürlich auch

00:14:31: wieder ein hohes Risiko, ADS zu

00:14:32: haben. Ja, und dann viele Frauen,

00:14:34: die doch ganz funktional sind und

00:14:36: im Beruf stehen.

00:14:37: Wenn die dann zu Hause sind, dann

00:14:38: packen sie es oft nicht mehr, sich

00:14:39: zu organisieren, weil überhaupt gar

00:14:41: keine Regeln mehr da sind.

00:14:43: Dann haben sie oft ein Problem mit

00:14:44: ihrer Gefühlsregulation,

00:14:46: weil die Kinder sie so nerven und

00:14:48: sie dann ausflippen und sie haben

00:14:50: dann ganz große Schuldgefühle, dass

00:14:51: das passiert.

00:14:52: Und dann sehen wir die Frauen noch

00:14:53: mal in der Menopause, wenn eben

00:14:55: die Sexualhormone runtergehen,

00:14:57: dass es dann auch noch mal schlimmer

00:14:59: wird. Und wir haben eine deutlich

00:15:00: höhere Rate von prämenstruellem

00:15:02: Syndrom, das heißt, vor der

00:15:04: Periode, dass eben doch

00:15:06: viel mehr, doppelt so viele

00:15:07: ADS-Frauen erhebliche Probleme

00:15:09: prämenstruell bekommen.

00:15:11: Und wir haben auch darüber

00:15:13: gesprochen, was für starke

00:15:14: körperliche Auswirkungen ADHS

00:15:16: unbehandelt auf

00:15:18: den Organismus haben kann.

00:15:20: Ja, das ist leider wirklich

00:15:23: eine schlimme Zahl und deswegen muss

00:15:24: eigentlich auch jeder Hausarzt

00:15:26: wissen, was ADS ist.

00:15:27: Wir sehen, die neuen Studien sind:

00:15:29: Sieben Jahre weniger Lebenserwartung

00:15:31: bei Männern, neun Jahre weniger bei

00:15:33: Frauen bei unbehandeltem

00:15:35: ADS.

00:15:36: Und das hat ganz verschiedene

00:15:37: Gründe. Also einmal haben wir diese

00:15:39: hohe Rate von Depressionen und

00:15:41: Angststörungen.

00:15:42: Wir haben eine hohe Rate von

00:15:43: Suchterkrankungen bei ADS.

00:15:44: Wir haben aber auch eine hohe Rate

00:15:46: von körperlichen Erkrankungen,

00:15:48: wie Bluthochdruck, Übergewicht,

00:15:50: dreimal häufiger, Essstörungen

00:15:51: dreimal häufiger.

00:15:53: Die ADS'ler haben oft Probleme

00:15:55: mit der Planung und sie können oft

00:15:57: auch eben dann nicht planen,

00:15:59: sich gut zu ernähren, gut essen zu

00:16:01: kochen, sondern essen Fastfood,

00:16:02: rauchen zu viel.

00:16:03: Rauchen funktioniert bei ADS,

00:16:05: ist eine Selbstbehandlung, aber

00:16:07: eine schlechte leider, eine

00:16:08: ungesunde und so

00:16:10: kumuliert einfach ganz vieles im

00:16:11: Laufe des Lebens.

00:16:12: Und das führt eben doch zu einer

00:16:14: deutlich verringerten

00:16:15: Lebenserwartung, die zum Teil

00:16:16: geringer ist als bei vielen

00:16:18: Krebserkrankungen.

00:16:19: Und das haben wenige auf dem Schirm,

00:16:21: dass es eben nicht nur ein seliges

00:16:22: Problem ist, sondern auch

00:16:24: tatsächlich zu einer deutlichen

00:16:26: Einschränkung der Lebensqualität und

00:16:27: auch der Lebenserwartung kommt.

00:16:30: Unbehandelt.

00:16:32: Sie haben vorhin gesagt,

00:16:33: ADHS'lerinnen bleiben häufig hinter

00:16:35: ihren Möglichkeiten zurück, schon in

00:16:37: der Schule, aber ich nehme an, dass

00:16:38: das auch am Arbeitsplatz sein kann.

00:16:41: Welche Symptomatik erlebe ich

00:16:42: vielleicht am Arbeitsplatz und

00:16:44: rechne sie nicht im ersten

00:16:46: Moment meiner ADS

00:16:48: oder ADHS zu oder was beobachte

00:16:50: ich als Führungskraft vielleicht bei

00:16:52: meinen MitarbeiterInnen?

00:16:54: Also wo ich dran denken muss bei

00:16:55: ADS, wenn jemand immer was auf den

00:16:56: letzten Drücker macht, wenn jemand

00:16:58: chaotisch unorganisiert ist, nicht

00:17:00: priorisieren kann, mit was fange ich

00:17:02: an, Sachen nicht zu Ende kriegt,

00:17:04: Sachen nicht findet, keine guten

00:17:06: Aktenablage hat,

00:17:09: unstrukturiert arbeitet, oft

00:17:10: erschöpft ist oder nicht richtig

00:17:12: zuhört, so halb zuhört,

00:17:14: weil er schon wieder abgelenkt ist.

00:17:16: Das wären so typische Symptome für

00:17:18: ADS. Oder aber auch so emotional

00:17:20: überschießend, ganz schnell gekränkt

00:17:22: oder ganz schnell sich angegriffen

00:17:24: fühlen. Ganz schnell impulsiv

00:17:26: sein oder aber ganz schnell verletzt

00:17:28: sein ruckzuck.

00:17:29: Macht es den Sinn,

00:17:31: sich seinen Kolleg:innen im

00:17:33: Team oder vielleicht auch einer

00:17:35: Führungskraft anzuvertrauen

00:17:37: als diagnostizierte ADHS'lerin?

00:17:39: Das würde

00:17:41: ich nicht pauschal beantworten,

00:17:43: weil ADS ist wirklich,

00:17:45: ich sage immer, jeder hat eine

00:17:46: Meinung und wenigstens eine Ahnung.

00:17:49: Ich würde da wirklich sehr

00:17:50: spezifisch gucken, habe ich eine

00:17:52: gute Beziehung zu meinem Chef oder

00:17:54: zur Chefin.

00:17:55: Sind die gewillt, auch auf meine

00:17:56: Schwierigkeiten einzugehen?

00:17:58: Ich würde es nicht im Vorstellungsgespräch

00:17:59: sagen, man kann Glück haben,

00:18:02: ja, also nur mal so, es kann ja auch

00:18:04: der Chef ein ADS-Kind haben.

00:18:07: Dann kann der sagen, ah toll, das

00:18:08: läuft jetzt ganz gut oder kann

00:18:09: sagen, nicht noch einer.

00:18:11: Also alleine daran hängt es schon.

00:18:13: Also ich glaube, dass wichtig ist,

00:18:14: dass sich unsere Arbeitswelt mehr

00:18:16: einstellt auf neurodiverse Menschen.

00:18:18: Und da gehört natürlich auch

00:18:19: Autismus dazu.

00:18:20: Also ADS'ler haben ein ganz großes

00:18:22: Problem mit in Großraumbüroarbeiten,

00:18:25: mit unstrukturierten Aufgaben,

00:18:27: mit monotonen, langweiligen

00:18:28: Aufgaben. Mit Aufgaben, die

00:18:30: besondere Genauigkeit erfordern.

00:18:32: Ich sage immer, ADS'ler müssen einen

00:18:34: guten Platz für sich finden, für

00:18:35: das, so wie sie sind.

00:18:37: Und es wäre wichtig, dass auch Chefs

00:18:38: und die Arbeitswelt es besser

00:18:40: differenziert.

00:18:41: SAP macht das zum Beispiel.

00:18:42: Die wirklich gucken, wer ist

00:18:44: neurodivers.

00:18:45: Autisten zum Beispiel gibt man am

00:18:46: besten Spezialaufgaben und keine

00:18:48: Teams.

00:18:49: ADS'ler packt man vielleicht eher in

00:18:51: Thinktanks und sagt, komm, spinn mal

00:18:52: rum, was hast du für eine Idee.

00:18:53: Aber der braucht vielleicht eine

00:18:54: Sekretärin, der das dann abarbeitet

00:18:56: oder die das abarbeitet.

00:18:58: Struktur ganz wichtig für ADS'ler.

00:19:00: Und auf keinen Fall im Großraumbüro

00:19:02: arbeiten, denn dann passiert das,

00:19:03: was hier passiert.

00:19:04: Die Aufmerksamkeit geht steil nach

00:19:06: unten. Weil jede Ablenkung

00:19:08: dazu führt, dass man sofort

00:19:10: den Fokus verlieren kann.

00:19:11: Der Hyperfokus ist eine tolle

00:19:13: Geschichte, das ist die Superkraft,

00:19:15: aber die ist nicht mit dem

00:19:16: Lichtschalter einzustellen, sondern

00:19:18: die passiert mal als Flow,

00:19:20: wenn man was ganz spannend erlebt.

00:19:22: Ja, also man kann als ADS'lerin

00:19:24: Berge versetzen, wenn was spannend

00:19:25: ist, aber man kann auch die

00:19:26: einfachsten Sachen nicht, wenn etwas

00:19:27: langweilig ist.

00:19:28: Auch dass die Arbeit

00:19:29: abwechslungsreich ist, das ist

00:19:31: sicherlich wichtig, dass genug

00:19:32: Bewegung da ist, dass was Spannendes

00:19:34: auch da ist, was eine

00:19:35: Herausforderung darstellt.

00:19:36: Das wären so gute Arbeitsbedingungen

00:19:38: für ADS.

00:19:39: Bedeutet es in Ihren Augen auch,

00:19:41: dass zum Beispiel Betriebsärzt:nnen

00:19:43: viel besser in diesem Thema geschult

00:19:45: werden müssen oder sind das vor

00:19:46: allem die Führungskräfte?

00:19:48: Beides.

00:19:49: Also auch so, was ich oft sehe, ist

00:19:51: diese Burnout-Symptomatik.

00:19:52: Wir sehen bei ADS'lern viel häufiger

00:19:54: Erschöpfung.

00:19:56: Und anstatt dann einfach sagen, hat

00:19:57: einen Burnout, mal zu fragen, was

00:19:58: erschöpft denn diese Frau?

00:20:01: Und warum sind die ADS'ler häufiger

00:20:02: erschöpf? Das muss man jetzt mal

00:20:03: ganz genau erklären.

00:20:05: Wenn sie dauernd abgelenkt sind, ist

00:20:06: es wahnsinnig anstrengend, sich zu

00:20:08: konzentrieren.

00:20:09: Wenn Sie ständig so gefühlsmäßig

00:20:11: überreagieren, ist das wahnsinnig

00:20:13: anstrengend, sich dauernd zusammenzureißen.

00:20:15: Wenn Sie ein Problem haben mit

00:20:16: Prokrastination, nicht in die Gänge

00:20:17: kommen, ist es wahnsinnig

00:20:18: anstrengend, sich in Gang zu setzen.

00:20:21: Nur, das ist etwas, Sie kommen ja

00:20:22: mit dem ADS zur Welt, was Sie nie

00:20:24: erfasst haben von "das ist bei mir

00:20:26: anders als bei anderen".

00:20:27: Das ist gar nicht so erfassbar.

00:20:29: Das muss man auch immer wieder

00:20:30: ADS-Betroffenen erklären.

00:20:32: Du hattest es auch schwerer als

00:20:33: andere, weil in dieser

00:20:34: reizüberfluteten Welt, in der wir

00:20:36: heute leben, siehe hier,

00:20:38: haben es eben auch die ADS'lerinnen

00:20:39: besonders schwer.

00:20:40: Vor 100 Jahren auf dem Bauernhof

00:20:42: in Oberbayern hatten die weniger

00:20:44: Probleme mit ihrem ADS.

00:20:46: Das war einfach anders zu

00:20:48: handeln als jetzt in dieser

00:20:49: schnelllebigen Multitaskingwelt.

00:20:51: Das heißt, diese Überkonformität,

00:20:53: feste Strukturen und alles, das

00:20:55: hilft eben wirklich nur den

00:20:56: Menschen, die neuronormativ

00:20:58: sind?

00:20:58: Feste Strukturen helfen auch

00:21:00: ADS'lern, aber Sie müssen es

00:21:01: einsehen, warum sie sie brauchen.

00:21:03: Also das ist ja wie in der

00:21:03: Kindererziehung.

00:21:04: ADS-Kinder machen zu lassen, was sie

00:21:06: wollen, ist keine gute Idee.

00:21:07: Sie machen gar nichts und sitzen

00:21:08: vorm Tablet.

00:21:11: Also sinnhafte, sinnvolle

00:21:12: Strukturen, auch mit Kontrolle,

00:21:14: ist durchaus auch wichtig bei ADS.

00:21:17: Wollen wir fürs Publikum öffnen?

00:21:19: Gehen schon die ersten Hände hoch!

00:21:20: Habt ihr Fragen?

00:21:21: Dankeschön.

00:21:23: Ich wollte fragen,

00:21:25: wie Sie zu Social Media in der

00:21:26: heutigen Zeit und ADHS stehen.

00:21:28: Ist das eine Chance oder einfach

00:21:31: noch mehr?

00:21:32: Also ich sehe es als beides.

00:21:35: Ich bin auf der einen Seite sehr

00:21:36: froh, weil Social Media uns jetzt

00:21:37: auch den Blick auf ADHS,

00:21:41: also es wird jetzt einfach viel mehr

00:21:42: wahrgenommen, auch von der Presse.

00:21:44: Ich mache ja ADHS seit über 25

00:21:46: Jahren. Wir haben uns ganz lang

00:21:47: rumgeschlagen mit "Stern" und

00:21:48: "Spiegel", die gesagt haben, also

00:21:50: ADHS, erfundene Krankheit für die

00:21:51: Ärzte und so weiter.

00:21:52: Was diese Social-Media-Geschichte

00:21:54: gemacht hat, ist, dass sich die

00:21:55: Journalisten heute sehr

00:21:57: wissenschaftlich und ausführlich mit

00:21:58: diesem Thema beschäftigen.

00:21:59: Das finde ich gut.

00:22:00: Wir haben aber auf der einen oder

00:22:02: anderen Seite eine Überidentifikation

00:22:04: und nicht jeder Influencer, der da

00:22:06: postet, hat auch ADS und auch eine

00:22:07: Ahnung. Also es gibt eine neue

00:22:09: Studie, die zeigt, also nur die

00:22:10: Hälfte von dem Content, der da

00:22:12: ist, ist auch wirklich

00:22:13: wissenschaftlich begründet.

00:22:14: Ja, also es wird auch viel erzählt.

00:22:16: Aber grundsätzlich finde ich es gut,

00:22:18: dass ADS mehr Aufmerksamkeit

00:22:20: bekommt, wie Autismus auch.

00:22:22: Und dass wir heute hier sitzen, ist

00:22:23: sicherlich dem auch geschuldet.

00:22:24: Das Problem ist, wir haben auf der

00:22:26: einen Seite eine Überidentifikation

00:22:28: jetzt über Social Media, zu viele

00:22:29: Leute glauben, sie haben ADS oder

00:22:31: Autismus, und wir haben auf der

00:22:33: anderen Seite eine medizinische und

00:22:34: psychotherapeutische Unterversorgung.

00:22:36: Das heißt, ganz viele Leute wollen

00:22:38: jetzt wissen, habe ich ADS, die aber

00:22:40: gar nicht so besonders betroffen

00:22:41: sind und die, die wirklich betroffen

00:22:42: sind, für die haben wir keine Ressource.

00:22:44: Und es behandeln einfach...

00:22:46: Zu wenig Psychotherapeuten und

00:22:48: Psychiater haben sich mit dieser

00:22:49: Thematik beschäftigt.

00:22:50: Ja, meiner zum Beispiel hält es für

00:22:52: eine Trenddiagnose.

00:22:53: Ja, das ist unfassbar.

00:22:55: Also wir haben einen internationalen

00:22:56: Diagnoseschlüssel, der wird auf der

00:22:57: ganzen Welt verwandt.

00:22:59: Es gibt drei ICD-Ziffern

00:23:00: für ADHS im Erwachsenenalter und im

00:23:02: neuen ICD auch.

00:23:04: Und wenn da ein Arzt sagt, also für

00:23:05: mich ist das eigentlich eine

00:23:06: erfundene Erkrankung, das finde ich

00:23:08: immer eine ganz schöne Hypris.

00:23:09: Da gibt es Leitlinien.

00:23:10: Also Leitline ist wirklich nicht für

00:23:12: erfundene Erkrankungen, ja.

00:23:13: Da setzen sich die ganzen

00:23:15: Universitäten und Fachverbände

00:23:16: zusammen und gucken die Studien

00:23:18: durch und sagen, was ist State of

00:23:19: the Art für die Behandlung dieser

00:23:20: Erkankung.

00:23:23: Woher weiß ich denn, was zu viel

00:23:24: ist? Also bin ich hypersensibel

00:23:26: oder habe ich eventuell

00:23:28: ADHS oder ist

00:23:31: die Lärmbelästigung vielleicht

00:23:32: aufgrund von autistischer

00:23:34: Symptomatik zu viel für mich

00:23:36: oder von einer ADHS-Symptomatik?

00:23:39: Mache ich Double- und

00:23:40: Triple-Screening, weil ich so

00:23:42: sozialisiert bin und gleichzeitig

00:23:44: meinen Film gucke,

00:23:46: auf Wikipedia recherchiere, ob das

00:23:48: alles korrekt ist und

00:23:50: Nachrichten von meinen Freunden auf

00:23:51: Whatsapp beantworte.

00:23:53: Ich frage mich, was ist

00:23:55: Gesellschaft, was modernes

00:23:58: Leben, was sind

00:24:00: vielleicht andere Charakteristika,

00:24:02: die ich mit mir rum trage und wann

00:24:03: merke ich, okay, es wird wirklich

00:24:05: Zeit?

00:24:05: Also das ist natürlich eine ganz

00:24:07: wichtige Frage, die Sie da jetzt

00:24:08: stellen.

00:24:09: ADS ist ein Syndrom, ja?

00:24:10: Und wir dürfen das nur

00:24:12: diagnostizieren, wenn wir das im

00:24:13: ganzen Lebensverlauf auch darstellen

00:24:15: können, ja.

00:24:16: Also jeder ist mal unaufmerksam,

00:24:18: jeder ist immer impulsiv und genervt

00:24:20: und jeder ist auch mal vergesslich,

00:24:21: ja, aber diese

00:24:23: extreme Ablenkbarkeit, diese

00:24:25: Sprunghaftigkeit, ich frage oft so,

00:24:27: wie denken Sie denn?

00:24:28: Und dieses immer wieder neue

00:24:29: Gedanken haben, nicht bei der Sache

00:24:31: bleiben können, immer wieder

00:24:32: abgelenkt sein.

00:24:33: Sich nicht konzentrieren können,

00:24:35: beziehungsweise sich konzentrieren

00:24:36: können für die Dinge, die Spaß

00:24:37: machen und die interessant sind,

00:24:40: ja. Dann eben dieses emotional

00:24:42: Überreagierende, so ganz schnell

00:24:44: gekränkt verletzt sein, sich

00:24:45: angegriffen fühlen.

00:24:46: Dieses sich nicht aufräumen können,

00:24:49: ja? Für den ADS'ler, wie räume ich

00:24:50: auf? Oder viele sagen, von

00:24:52: Zauberhand ist schon wieder das

00:24:53: Chaos da, ich weiß gar nicht, wie

00:24:54: ich das mache.

00:24:54: Ich kann meine Ordnungssysteme nicht

00:24:56: einhalten. Ich kann nicht anfangen.

00:24:58: Ich weiß genau, ich muss jetzt für

00:24:59: die Bachelorarbeit arbeiten, aber

00:25:01: ich kann es nicht anfassen.

00:25:02: Ich habe schon wieder den ganzen Tag

00:25:04: vergeigt.

00:25:05: Sie scheitern jeden Tag an sich

00:25:07: selbst und nicht mal.

00:25:09: Und das müssen Sie schon, um so eine

00:25:11: Diagnose zu stellen, auch wirklich

00:25:13: im Lebensverlauf darstellen können.

00:25:15: Und das muss auch ausgeprägt sein,

00:25:17: nicht ein bisschen.

00:25:18: Also da gibt es schon auch sehr

00:25:20: klare Vorgaben, wie wir das

00:25:21: diagnostizieren.

00:25:24: Frage.

00:25:24: Ja, hier vorne.

00:25:26: Und zwar würde ich gerne wissen, wir

00:25:28: haben ja jetzt gesprochen, die

00:25:30: ADHS-Menschen, wie die in der

00:25:31: Arbeit, im Arbeitsalltag leben,

00:25:33: aber die arbeiten ja in einem Team.

00:25:35: Das heißt, ihre Arbeit,

00:25:38: ihr Sein beeinflusst ja auch das

00:25:39: Team. Das Team kann sich zum

00:25:40: Beispiel nicht drauf verlassen,

00:25:43: machen die die Teamaufgabe

00:25:44: rechtzeitig fertig, sind die

00:25:46: Personen jetzt auch nervöser, stören

00:25:48: vielleicht auch in Meetings, wie man

00:25:49: so kennt, sind ein bisschen lauter

00:25:51: sind, impulsiver.

00:25:52: Ich habe gelesen, dass ADHS

00:25:54: einen hohen volkswirtschaftlichen

00:25:57: Schaden und somit auch einen

00:25:58: wirtschaftlichen hat, weil die

00:26:00: Personen oft weniger

00:26:02: leistungsfähig sind, eben durch die

00:26:04: Kriterien, die sie genannt haben.

00:26:06: Wie geht man damit als Team

00:26:08: um, wenn man so einen Menschen hat,

00:26:10: der sich jetzt vielleicht auch nicht

00:26:11: geoutet hat? Das ist ja irrelevant.

00:26:13: Man hat mit den Symptomen

00:26:15: zu leben und muss das als

00:26:17: Team ja auch ertragen.

00:26:19: Dieser Mensch, der sehr

00:26:21: nervös ist.

00:26:22: Dazwischen spricht, unzuverlässig

00:26:24: ist. Wie geht da ein Team damit um

00:26:26: und ein Vorgesetzter?

00:26:29: Die ADS'ler können auch nicht

00:26:31: verlangen, dass sich jetzt alle nach

00:26:32: Ihnen richten, weil sie sind eine

00:26:33: kleine Minderheit und natürlich

00:26:35: braucht es Zuverlässigkeit.

00:26:37: Man muss es ja vielleicht nicht mit

00:26:38: ADS labeln, aber sie sagen, ich

00:26:40: glaube, da haben Sie ein Problem mit

00:26:41: pünktlich sein, können wir hier eine

00:26:43: Vereinbarung treffen, können wir Sie

00:26:44: fünf Minuten vorher vielleicht

00:26:46: nochmal oder halbe Stunde vorher

00:26:47: erinnern, können wir noch mal

00:26:49: Kontrollen machen, ob Sie das

00:26:51: gemacht haben, weil

00:26:53: ich glaube, das ist dann leichter

00:26:55: für Sie, wenn sie daran erinnert

00:26:56: werden. Und ich finde es schon auch

00:26:58: ganz gut, wenn man

00:26:59: in größeren Firmen

00:27:02: fortbildet dahingehend. SAP hat das

00:27:04: gemacht und die Akzeptanz war

00:27:06: deutlich höher dann.

00:27:08: Und dann konnte man auch eher mal

00:27:09: darüber sprechen, du, ich glaube, du

00:27:10: hast auch ADS, willst dich nicht mal

00:27:12: damit beschäftigen, willst dich

00:27:13: vielleicht nicht auch behandeln

00:27:14: lassen und können wir irgendwas

00:27:16: dafür tun, also dass beide

00:27:17: aufeinander zugehen?

00:27:18: Können wir was dafür tun,

00:27:21: dass es dir hier besser geht,

00:27:23: ja? Beispielsweise, dass du ein

00:27:24: Einzelbüro kriegst oder dass du

00:27:26: flexible Arbeitszeiten hast.

00:27:27: Aber wir haben natürlich auch

00:27:29: Anforderungen, die musst du

00:27:29: erfüllen, ja.

00:27:30: Du kannst nicht immer auf den

00:27:31: letzten Drücker abgeben und alle

00:27:33: hängen über den Zaun, ja, also

00:27:35: ich glaube da müssen beide Seiten

00:27:37: sich bewegen.

00:27:38: Wie geht denn so eine offizielle

00:27:40: Diagnostik vonstatten?

00:27:41: Das ist ja mit einem Termin

00:27:43: und einem Fragebogen nicht getan.

00:27:46: Es kommt drauf an, wie viel Erfahrung sie haben.

00:27:48: Also wir machen das immer so, also

00:27:49: sie brauchen, das Wichtigste bei

00:27:51: der Diagnostik ist die gesamte

00:27:53: Lebensgeschichte.

00:27:54: Da sieht man das oft auch.

00:27:56: Schulwechsel, Studien abgebrochen,

00:27:59: also so viele Abbrüche, weil es dann

00:28:00: irgendwie doch nicht geklappt hat.

00:28:02: Ich habe immer sehr gerne die

00:28:03: Schulzeugnisse, bin immer ganz

00:28:04: begeistert von bayerischen

00:28:05: Schulzeugnissen und bin...

00:28:07: ich habe immer große Ehrfurcht vor

00:28:08: Lehrern, die beschreiben oft ganz

00:28:10: tollen ADS auch des unaufmerksamen

00:28:12: Typs. Sie wissen nur nicht, dass sie

00:28:13: das tun.

00:28:14: Aber das ist unglaublich hilfreich.

00:28:17: Die Eltern, wir brauchen eine

00:28:18: Beschreibung von Eltern, wie war

00:28:19: denn das als Kind? Womit hat die

00:28:21: Schwierigkeiten gehabt?

00:28:22: Und dann fragen wir die Kernsymptome

00:28:24: ab. Das ist natürlich auch eine

00:28:25: Frage, wie viel Erfahrung haben Sie?

00:28:27: Also wenn Sie in eine ADS-Ambulanz

00:28:29: gehen, gehen Sie da fünfmal hin,

00:28:30: weil da macht es der Assistenzarzt.

00:28:31: Ja, wenn das jemand macht, der

00:28:33: lange Erfahrung hat, der kann das

00:28:34: schneller.

00:28:36: Also drei, vier Mal, bei mir geht

00:28:38: es schneller, aber ich habe, wie

00:28:39: gesagt, 25 Jahre Erfahrung.

00:28:41: Aber Sie brauchen viele

00:28:42: Informationen, um das wirklich

00:28:43: entscheiden zu können, zieht sich

00:28:45: das wie ein roter Faden durchs

00:28:46: Leben? Natürlich, es gibt Zeiten, wo

00:28:48: es stärker ist auf dem Studium, wo

00:28:49: ja auch viel Aufmerksamkeit

00:28:50: gebraucht wird, oder eben in dieser

00:28:52: Mutterschaft, wo dann auf einmal

00:28:54: so viel Gewusel ist und man sich

00:28:55: selber nicht mehr sortiert bekommt.

00:28:57: Aber das Wichtigste ist eben nicht

00:28:59: die Testung.

00:29:00: Die Tests sind, wie gesagt, sogar

00:29:01: eher für die hyperaktiven Jungs und

00:29:04: die Tests sind weder beweisend für

00:29:05: noch gegen ADS.

00:29:06: Es ist eine reine Probeorientierung.

00:29:08: Das Wichtigste ist die

00:29:09: Lebensgeschichte, wie sich diese

00:29:11: Symptome im Leben zeigen.

00:29:13: Und das ist eben auch gefragt, nicht

00:29:15: mal, sondern eigentlich

00:29:17: durchgehend.

00:29:18: Diese Kernsymptome der ADHS.

00:29:19: Das ist halt auch gegendert.

00:29:21: Die Jungs, die fallen auf, laut,

00:29:23: ungestüm, die kloppen sich und

00:29:25: die haben echt Spaß dran, eine

00:29:27: Sau durchs Dorf zu treiben und mal

00:29:28: wieder die Lehrer irgendwie richtig

00:29:29: zu ärgern und richtig aufzufallen.

00:29:31: Mädchen zeigen vielmehr so

00:29:33: ein sozial akzeptiertes Verhalten,

00:29:35: und die bemühen sich oft

00:29:36: unglaublich, dass es niemand merkt.

00:29:38: Wie langsam sie sind, wie verpeilt

00:29:40: sie sind.

00:29:41: Wie unsicher sie sind!

00:29:42: Ja, sie haben oft ganz hohe

00:29:45: Schamgefühle, wenn sie wieder was falsch

00:29:46: gemacht haben.

00:29:47: Dieses Coping von Mädchen,

00:29:49: dass sie einfach prosoziales

00:29:50: Verhalten zeigen wollen, macht dann

00:29:52: die Diagnose so schwer.

00:29:53: Sie wollen auf keinen Fall zugeben,

00:29:55: anders zu sein.

00:29:56: Mädchen wollen so sein wie alle

00:29:57: anderen und Jungs wollen eher mal

00:29:58: ein bisschen auf den Putz hauen.

00:30:01: Wenn Frauen ja relativ früh, relativ

00:30:03: jung anfangen zu maskieren,

00:30:05: welche Symptome kann man nicht

00:30:06: maskieren? Also als Mensch, der

00:30:08: denkt, es vielleicht zu haben, weil

00:30:09: mehrere Fälle in der Familie sind

00:30:11: und viele Symptome treffen zu,

00:30:13: aber ich hab auch sehr früh gelernt,

00:30:15: mich zu organisieren, strenger

00:30:16: Haushalt zu Hause, ich kann mich

00:30:18: mit To-do-Listen und allem, ich kann

00:30:19: nicht mich organisieren.

00:30:20: Ist es dann überhaupt eine Möglichkeit,

00:30:22: dass es ADS ist am Ende, oder...?

00:30:23: Die Frage ist ja immer, ist es

00:30:25: relevant?

00:30:26: Wenn Sie ein strenges Elternhaus

00:30:27: haben, können sie froh sein.

00:30:28: Ja, also ich sehe jetzt die ganze

00:30:30: Zeit Kinder in nicht-strengen

00:30:31: Elternhäusern, die gar nicht mehr

00:30:33: Struktur lernen und dann sind sie

00:30:34: verloren. Wenn Sie es schaffen,

00:30:36: ohne dass Sie ausbrennen dabei,

00:30:38: dass Sie sich organisiert bekommen,

00:30:39: dass Sie anfangen können, dann ist

00:30:41: das ja vielleicht gar nicht

00:30:42: behandlungsbedürftig.

00:30:43: Wenn Sie's aber unheimlich viel

00:30:44: Kraft kostet zu maskieren und Sie

00:30:46: abends fix und fertig sind und

00:30:47: nichts mehr machen können, weil Sie

00:30:49: alle Ihre Kraft verbraucht haben

00:30:50: damit, dann sollte man's behandeln.

00:30:52: Und diese Prokrastination, man muss

00:30:54: es so fragen.

00:30:55: Also, die Frage ist zum Beispiel

00:30:56: auch, fühlen Sie sich oft unruhig

00:30:58: und getrieben?

00:30:59: Vielen ADS'ler merkt man das gar

00:31:00: nicht an, die wirken wie die Ruhe

00:31:02: selbst.

00:31:02: Sie sagen ja, ich bin total

00:31:03: innerlich aufgedreht.

00:31:06: Wenn Sie es fragen, sagen Sie

00:31:08: es ihnen ja. Haben Sie ein Problem

00:31:09: damit, in die Gänge zu kommen?

00:31:11: Haben Sie Probleme aufzuräumen?

00:31:14: Und diese Fragen muss man eben

00:31:15: speziell stellen, weil die einfach

00:31:17: oft so schamhaft erlebt werden.

00:31:18: Ich erzähle doch niemandem, wie es

00:31:19: bei mir zu Hause aussieht.

00:31:21: Das ist ja verpönt.

00:31:23: Aber wenn Sie es fragen, dann

00:31:24: kriegen Sie dann schon auch eine

00:31:25: Antwort, oder... Boah, ich bin immer

00:31:27: chaotisch und dann räume ich ganz

00:31:29: gut auf und dann ist sofort wieder

00:31:30: das Chaos da.

00:31:31: Das ist typisch.

00:31:33: Ich möchte mich ganz herzlich

00:31:34: bedanken, dass Sie zu Gast waren.

00:31:36: Vielen herzlichen Dank.

00:31:37: Danke für die Einladung.

00:31:49: Danke, dass du dabei warst.

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