Rausländer – unsere Koffer sind gepackt. Die Folgen von Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung
Shownotes
Waslat Hasrat-Nazimi, Leiterin der Afghanistan-Redaktion der Deutschen Welle hat das Buch „Rausländer – unsere Koffer sind gepackt. Die katastrophalen Folgen von Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung“ geschrieben. In diesem Gespräch mit herCAREER-Redakteurin Kristina Appel erzählt Waslat, wie sich alltäglicher Rassismus anfühlt, warum viele Menschen mit internationaler Familiengeschichte innerlich längst Abschied von Deutschland nehmen – und welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen das hat.
„Viele migrantische Menschen haben das Gefühl, dass sie keinen Platz in dieser Gesellschaft haben – und auch nicht haben werden.“ Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch zwischen Waslat Hasrat-Nazimi und herCAREER-Redakteurin Kristina Appel. In diesem Live-Gespräch schildert die Autorin des Buches „Rausländer – unsere Koffer sind gepackt. Die katastrophalen Folgen von Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung“, warum viele Menschen mit internationaler Familiengeschichte innerlich längst Abschied von Deutschland nehmen – und welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen das hat.
Als Frau mit migrantischer Familiengeschichte weiß Waslat Hasrat-Nazimi: „Man kann so gut wie nicht vor die Tür gehen, ohne Rassismus zu erfahren – vom abschätzigen Blick bis zur physischen Gewalt.“ Rassistische Übergriffe sind keine Einzelfälle, sondern der Alltag von muslimischen Frauen und Schwarzen Menschen in Deutschland.
Sie beschreibt, dass Menschen mit deutschem Pass weiterhin als „Ausländer“ gesehen werden – und warum das mehr ist als nur verletzende Sprache, sondern eine demokratische Schieflage: „Ein großer Teil der Gesellschaft hat ein Weltbild, das unserem Grundgesetz widerspricht.“
Waslat warnt eindringlich davor, wie Rassismus, Rechtsextremismus und fehlende politische Vision hochqualifizierte Fachkräfte, Familien und junge Menschen aus dem Land treiben. Sie sagt: „Wir sind dabei, einen großen Teil unserer Gesellschaft zu verlieren.“
Diese Folge bespricht strukturellen Rassismus im deutschen Alltag, Diskriminierende Strukturen auf dem Wohnungs-, Bildungs- und Arbeitsmarkt und der Konflikt eines Demokratieversprechens, das derzeit nicht für alle Menschen gilt.
Sie stellt auch die Frage: Wie lange halten Menschen, die täglich ausgegrenzt werden, das noch aus?
Drei Ansätze für eine bessere Zukunft
_Grundgesetz und Antidiskriminierungsrecht stärken _ Waslat fordert, dass Deutschland sich endlich ehrlich als Einwanderungsland versteht – inklusive klarer Formulierungen im Grundgesetz, einem starken Antidiskriminierungsschutz und der Überarbeitung problematischer Begriffe wie „Rasse“. Sie kritisiert, dass das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz heute zentrale Bereiche wie Schule faktisch nicht erfasst.
_Demokratieförderung langfristig finanzieren _ In der Folge geht es um die Idee eines Demokratiefördergesetzes, das Programme wie „Demokratie leben!“ dauerhaft absichert statt sie alle paar Jahre zur Disposition zu stellen. Demokratiebildung, Extremismusprävention und Unterstützung für Projekte vor Ort bräuchten Planungssicherheit – gerade für Fachkräfte, die selbst von Rassismus betroffen sind.
_Haltung zeigen – in Medien, Unternehmen, Alltag _ Waslat betont, wie wichtig es ist, dass Redaktionen und Unternehmen klar Position gegen Rassismus beziehen und Räume schaffen, in denen über Angst, Krieg, politische Entwicklungen und Diskriminierung gesprochen werden darf. Dazu gehören Ansprechstellen bei Rassismus, Diversity-AGs und Kolleg*innen, die sich gegenseitig den Rücken stärken.
„Alle sind gegen Rassismus – bis es darum geht, eigene Privilegien abzugeben”, sagt Waslat. Es ist eine Folge, die fragt: In was für einem Land wollen wir eigentlich leben, arbeiten und Kinder großziehen?
Weiterführende Links aus der Folge:
Waslat Hasrat-Nazimi – „Rausländer – unsere Koffer sind gepackt. Die katastrophalen Folgen von Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung“
herCAREER-Interview: Solange es sich lohnt, diskriminierende Strukturen aufrechtzuerhalten, wird sich an ihnen wenig ändern
Sozio-oekonomisches Panel „Geflüchtete in Deutschland – Flucht, Ankunft, Leben“
Zahlen zu rechter / rassistischer Gewalt:
Bundeskriminalamt – Politisch motivierte Kriminalität
Verfassungsschutzberichte des Bundesamts für Verfassungsschutz
Beispielhaft: Bundesverband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) – Jahresberichte https://verband-brg.de/publikationen/
Aktuelle Studien zu Alltagsrassismus
Überblicksseite DeZIM:
Antidiskriminierungsstelle des Bundes – „Rassistische Diskriminierung in Deutschland“
Diskriminierung im Bildungssystem
Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) – „Bildungserfolg und Herkunft“ / Studien zu Herkunftseffekten
Beispiel: Studie zu Namenseffekten bei Leistungsbewertung (z.B. „Diskriminierung in der Schule“ / WZB & Kooperationspartner) Überblick WZB-Bildungsforschung
Geringe soziale Durchlässigkeit
OECD – „A Broken Social Elevator? How to Promote Social Mobility“
Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung: Abwanderung hochqualifizierter Menschen mit Rassismuserfahrung
Über herCAREER Voice
Der Podcast herCAREER Voice liefert wertvolle Einblicke in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, immer verknüpft mit persönlichen Erfahrungen und vor allem aus weiblicher Perspektive. Wechselnde Moderator:innen und Gäst:innen aus unterschiedlichen Unternehmen, Redaktionen und Arbeitsumfeldern bieten vielseitige und praxisnahe Erfahrungswerte für die Hörer:innen. https://www.her-career.com/podcast
herCAREER ist die führende Plattform für die weibliche Karriere. Hier erwartet dich ein einzigartiges Netzwerk mit individuellen Job-Chancen und jede Menge inspirierender Content wie Podcasts, Vorträge und Panels live auf herCAREER Expo oder online im Rahmen unserer herCAREER Academy. Wir heißen alle Menschen willkommen – im Besonderen Frauen, denen wir die Chance geben, von diesem besonderen Möglichkeitsraum zu profitieren. https://www.her-career.com
Dieses Gespräch wurde im Rahmen der herCAREER Expo 2025 aufgezeichnet und als Podcast aufbereitet.
Mehr über die herCAREER Expo unter www.her-career.com/expo
Projektleitung: Natascha Hoffner Redaktion: Kristina Appel Produktion: Bernhard Hiergeist
Transkript anzeigen
00:00:00: Seit einigen Jahren ist es bereits
00:00:02: so, dass sehr viele migrantische
00:00:04: Menschen in Deutschland das Gefühl
00:00:06: haben, dass sie keinen
00:00:08: Platz in dieser Gesellschaft haben
00:00:10: und auch nicht haben werden.
00:00:12: Und das ist ein herber Verlust und
00:00:14: ein herber Schlag für die deutsche
00:00:15: Gesellschaft.
00:00:16: Und was ich mir wirklich wünschen
00:00:17: würde, ist, dass man eine
00:00:20: Vision schafft für eine
00:00:21: Gesellschaft, die vielfältig ist
00:00:23: und in der alle Menschen
00:00:25: gleichberechtigt leben können.
00:00:42: Willkommen beim HerCareer Podcast.
00:00:44: Du interessierst dich für aktuelle
00:00:46: Diskurse aus Wirtschaft,
00:00:47: Wissenschaft, Politik und
00:00:49: Gesellschaft und das insbesondere
00:00:51: aus einer weiblichen Perspektive?
00:00:52: Vielleicht wünschst du dir
00:00:53: persönliche Einblicke in den
00:00:55: Arbeitsalltag von Menschen und
00:00:56: Unternehmen, die sich dem
00:00:57: gesellschaftlichen und
00:00:58: wirtschaftlichen Wandel stellen?
00:01:00: Dann bist du hier genau richtig.
00:01:06: Viele migrantische Menschen in
00:01:07: Deutschland haben das Gefühl, dass
00:01:09: sie keinen Platz in dieser
00:01:10: Gesellschaft haben und auch nie
00:01:12: einen haben werden.
00:01:13: Das sagt Waslat Hasrat-Nazimi,
00:01:16: Leiterin der Afghanistan-Redaktion
00:01:17: der Deutschen Welle und Autorin
00:01:19: des Buches "Rausländer.
00:01:21: Unsere Koffer sind gepackt".
00:01:23: In dieser Live-Aufzeichnung spricht
00:01:24: sie über alltäglichen Rassismus in
00:01:26: Deutschland, über demokratische
00:01:28: Schieflagen und die Frage, was es
00:01:30: für unsere Gesellschaft bedeutet,
00:01:32: wenn immer mehr Menschen innerlich
00:01:34: und schließlich wortwörtlich
00:01:35: Abschied nehmen.
00:01:46: Hallo zusammen, herzlich willkommen,
00:01:48: schön, dass ihr da seid.
00:01:49: Mein Name ist Kristina Appel, ich
00:01:50: bin Journalistin mit dem Schwerpunkt
00:01:52: Chancen in der Öffentlichkeit und
00:01:54: ich spreche heute mit
00:01:56: Waslat Hasrat-Nazimi. Du bist
00:01:58: Journalistin, Autorin, Moderatorin
00:02:00: und berichtest für die Deutsche
00:02:02: Welle seit über 15 Jahren über
00:02:04: Afghanistan, von wo du als
00:02:06: Kind selbst geflohen bist.
00:02:08: Seit 2020 leitest du die
00:02:10: Afghanistan-Redaktion der Deutschen
00:02:12: Welle und mit "Rausländer.
00:02:13: Unsere Koffer sind gepackt" hast
00:02:16: du dein
00:02:18: zweites Buch geschrieben,
00:02:19: Verzeihung.
00:02:20: Das Buch benennt den
00:02:22: strukturellen Rassismus in
00:02:23: Deutschland sehr klar und deutlich.
00:02:26: Im Pressetext des Buches steht,
00:02:28: dass du die Zustände schonungslos
00:02:31: benennst.
00:02:32: Und ich hatte eine Anklageschrift
00:02:34: erwartet, so liest es sich aber
00:02:36: überhaupt nicht. Ich finde, du hast
00:02:37: wirklich eine sehr nahbare und
00:02:39: akkurate Schilderung dessen, was
00:02:41: selbst ich als
00:02:43: weiße deutsche Frau in Deutschland
00:02:45: erlebe, sehr ergreifend geschildert.
00:02:48: Vielen, vielen Dank dafür erst mal.
00:02:50: Ich habe dich schon in unserem
00:02:51: Vorgespräch gefragt, welche
00:02:52: Emotionen die Stimmen
00:02:54: deiner Protagonistinnen aus dem Buch
00:02:56: geschildert haben, wenn du mit ihnen
00:02:57: über Deutschland gesprochen hast.
00:02:59: Das sind Menschen mit den
00:03:00: unterschiedlichsten migrantischen
00:03:01: Familiengeschichten, die in
00:03:03: Deutschland leben und arbeiten.
00:03:04: Welche Emotions herrschen da vor?
00:03:07: Also seit einigen Jahren ist
00:03:08: es bereits so, dass sehr viele
00:03:10: migrantische Menschen in
00:03:11: Deutschland, Betroffene
00:03:13: von Rassismus das Gefühl
00:03:15: haben, dass sie keinen
00:03:18: Platz in dieser Gesellschaft haben
00:03:19: und auch nicht haben werden und
00:03:22: das... In der Konsequenz führt das
00:03:24: dazu, dass es eine Desillusionierung
00:03:26: gibt.
00:03:27: Also viele migrantischen Menschen
00:03:29: wollen auch gar nicht mehr
00:03:30: versuchen, ein Teil dieser
00:03:32: Gesellschaft zu sein oder sich
00:03:34: zu integrieren in Anführungszeichen.
00:03:36: Weil Integration offenbar
00:03:38: Assimilation bedeutet und
00:03:41: das ist ein herber Verlust und ein
00:03:42: herber Schlag für die deutsche
00:03:44: Gesellschaft und für Deutschland,
00:03:45: und ich versuche
00:03:47: in meinem Buch darauf aufmerksam zu
00:03:48: machen, dass es wirklich
00:03:51: kurz vor knapp ist, dass das
00:03:54: wirklich große Konsequenzen für das
00:03:56: Land haben wird, sowohl
00:03:57: wirtschaftlich als auch kulturell
00:03:59: als auch für die ganze Gemeinschaft
00:04:01: und Gesellschaft an sich.
00:04:03: Ich finde es noch mal wichtig zu
00:04:05: zeigen und du machst das im Buch
00:04:06: sehr, sehr klar mit sehr, vielen
00:04:08: Zahlen und Statistiken,
00:04:11: dass sich das nicht nur so anfühlt.
00:04:13: Also das fühlt sich nicht so an für
00:04:14: die Stimmen in deinem Buch.
00:04:15: Ich habe so ein paar Infos
00:04:17: mitgebracht, also BKA und
00:04:19: Verfassungsschutz und die
00:04:21: Opferberatungsstellen warnen jetzt
00:04:22: vor rechter Gewalt.
00:04:24: Spezifisch natürlich für
00:04:25: Migrant:innen, aber auch für
00:04:26: LGBTQ-Personen, Frauen.
00:04:29: Die Ausländerfeindlichkeit in
00:04:30: Deutschland hat einen Höhepunkt
00:04:32: erreicht. Das Sozioökonomische
00:04:34: Panel besagt, dass sich seit
00:04:36: 2018 immer
00:04:38: weniger Geflüchtete willkommen in
00:04:39: Deutschland fühlen.
00:04:40: Dafür steigt seit 2019
00:04:42: die Angst vor Feindseligkeiten.
00:04:45: 2023 gab mehr als jeder
00:04:47: zweite befragte Geflüchte an,
00:04:49: sich Sorgen, wegen
00:04:50: Ausländerfeindlichkeit und
00:04:51: Fremdenhass zu machen.
00:04:53: Also es ist schon ein eklatantes
00:04:55: Problem, möchte man sagen.
00:04:57: Ich kann noch eine weitere Zahl
00:04:59: hinzufügen.
00:05:00: Es gab dazu auch Studien, die
00:05:02: gezeigt haben, dass 60
00:05:04: Prozent der muslimischen Frauen
00:05:06: und schwarzen Menschen,
00:05:08: also sowohl Frauen als auch Männer,
00:05:10: im Alltag jeden Tag mit Rassismus
00:05:12: in Berührung kommen.
00:05:14: Und ich finde, das ist eine krasse
00:05:16: Nummer. Also man muss sich quasi
00:05:17: vorstellen, man kann so gut wie
00:05:19: nicht vor die Tür gehen, ohne
00:05:21: Rassismus zu erfahren, ohne
00:05:23: abschätzige Blicke,
00:05:25: ohne böde Kommentare, ohne
00:05:28: teilweise angespuckt zu werden,
00:05:30: physische Gewalt wird auch immer
00:05:31: mehr. Es ist auch nicht mehr nur so
00:05:33: ein, ich habe einen blöden Kommentar
00:05:35: gehört oder ich wurde blöd
00:05:36: angeguckt, sondern es
00:05:39: findet auch physische Gewalt statt,
00:05:41: gerade gegen muslimische Frauen und
00:05:42: Schwarze Menschen.
00:05:44: Das ist für unsere Gesellschaft
00:05:45: einfach schlimm.
00:05:46: Aber wir haben, wir migrantischen
00:05:48: Menschen, haben nicht das Gefühl,
00:05:50: dass dieses Problem gesehen wird.
00:05:52: Im Gegenteil. Also es wird einfach
00:05:54: darüber hinweg gesehen, es wird so
00:05:56: getan, als wären das
00:05:58: persönliche Befindlichkeiten.
00:06:01: Deswegen habe ich ja auch in meinem
00:06:02: Buch so viel Statistiken
00:06:04: verwendet, sehr zum Leidwesen meiner
00:06:06: Lektorin, die immer gesagt hat,
00:06:08: ja, aber wir wollen doch die
00:06:09: Geschichten hören. Da habe ich
00:06:10: gesagt, ja schön, aber immer,
00:06:12: wenn wir unsere Geschichten
00:06:13: erzählen, dann ist es so,
00:06:15: ja das ist dir halt passiert.
00:06:17: Oder das wird immer negiert
00:06:19: und so getan, als wäre das ein
00:06:21: persönliches Problem, Als würden
00:06:23: das Einzelpersonen vielleicht
00:06:25: in ihrem Alltag oder ab
00:06:27: und zu mal erleben.
00:06:28: Aber das ist nicht so.
00:06:29: Es ist ein großes Problem in unserer
00:06:31: Gesellschaft.
00:06:32: Als Grundlage müssen wir dann auch
00:06:33: festhalten, was ist.
00:06:34: Nämlich Deutschland war nie nicht
00:06:36: ein Wanderungsland.
00:06:38: Es gab keine Zeit, in der
00:06:39: sich Deutschland nicht auf
00:06:41: Arbeitskräfte aus dem Ausland
00:06:44: verlassen hätte.
00:06:45: Keine Zeit, in der nicht
00:06:47: Menschen aus den Nachbarländern in
00:06:49: Deutschland nach Deutschland
00:06:50: eingewandert sind.
00:06:52: Was aber bei uns der Fall ist, ist,
00:06:53: wir sprechen nicht drüber, wir
00:06:54: wollen es nicht zugeben, wir machen
00:06:56: es nicht zum Thema und es ist auch
00:06:58: nichts in dieser Form
00:07:00: und Deutlichkeit im Grundgesetz
00:07:01: verankert.
00:07:02: Das ist eine der Sachen, die du auch
00:07:03: schreibst.
00:07:04: Uns fehlt dadurch dieses
00:07:05: Selbstverständnis.
00:07:07: Was fehlt dem Grundgesetz
00:07:08: am Text, um
00:07:11: zu untermauern, dass wir eine
00:07:13: pluralistische Gesellschaft haben?
00:07:15: Was es im Grundgesetz ja gibt,
00:07:18: ist, und das ist auch erst, also
00:07:20: was jetzt wirklich erst seit 2000
00:07:21: wirklich klar geworden ist,
00:07:23: durch das neue Staatsbürgergesetz,
00:07:25: wer überhaupt Deutsche oder
00:07:26: Deutscher ist.
00:07:28: Bis dahin war es ja so, dass es nur
00:07:29: per Blut quasi vererbt werden
00:07:31: konnte.
00:07:32: Aber jede Person, die
00:07:34: in Deutschland geboren wird, jede
00:07:36: Person die einen deutschen Pass hat,
00:07:38: ist per se Deutsche oder Deutsche.
00:07:40: Aber jetzt müssen wir uns mal vor
00:07:42: Augen halten, ob das in der
00:07:43: Gesellschaft auch wirklich so
00:07:44: angekommen ist.
00:07:45: Und meiner Meinung nach nicht.
00:07:48: Weil ein großer Teil der
00:07:49: Gesellschaft sieht nicht Menschen,
00:07:52: die die deutsche Staatsangehörigkeit
00:07:54: vielleicht im Laufe des Lebens
00:07:56: erworben haben oder deren Eltern
00:07:58: sie erst im Laufer des Lebens
00:07:59: erworben haben.
00:08:01: Diese Menschen werden leider von
00:08:03: einem großen Teil der Gesellschaft
00:08:04: nicht als Deutsche gesehen,
00:08:06: sondern als Menschen mit
00:08:08: Migrationshintergrund oder
00:08:10: Ausländer oder wie auch immer.
00:08:12: Und das ist ja eigentlich schon per
00:08:14: se gegen unser Grundgesetz.
00:08:15: Also das müssen wir uns ja schon mal
00:08:16: vor Augen führen, dass ein großer
00:08:18: Teil der Gesellschaft
00:08:20: eigentlich ein Weltbild hat, was
00:08:22: unserem Grundgesetz widerspricht.
00:08:24: Und dann gibt es aber auch einiges,
00:08:26: was man natürlich verbessern könnte.
00:08:27: Zum Beispiel
00:08:29: Antidiskriminierungsgesetze im Grundgesetz
00:08:30: noch mal wesentlich verankern.
00:08:32: Dann gibt es ja auch immer noch den
00:08:34: Begriff Rasse im Grundgesetz.
00:08:36: Schon seit einigen Jahren gibt es da
00:08:38: Bemühungen, das zu verändern.
00:08:40: Das ist aber letztendlich daran
00:08:42: gescheitert, und das ist halt auch
00:08:44: ein bisschen das Problem, dass es da
00:08:45: so verschiedene Perspektiven drauf
00:08:47: gibt. Der Zentralrat der Juden hat
00:08:49: dann gesagt, sie möchten das nicht,
00:08:51: weil der Begriff Rasse auch
00:08:53: gleichzeitig die historische
00:08:54: Erinnerung hochhält.
00:08:56: Aber meiner Meinung nach finde ich
00:08:57: es wichtiger, die Begebenheiten
00:09:00: heute zu sehen und auch
00:09:02: zu sehen, dass wir mit diesen
00:09:04: Begriffen heute nichts mehr arbeiten
00:09:06: können und das eigentlich
00:09:07: kontraproduktiv ist.
00:09:08: Also das sind zumindest einige
00:09:10: Dinge, die man machen
00:09:12: könnte.
00:09:14: Wir dürfen nicht vergessen, dass
00:09:14: Diskriminierungen auf einem viel
00:09:16: größeren Spektrum stattfinden.
00:09:17: Und du hast es vorhin schon erwähnt.
00:09:19: Das sind auch verschwerte Zugänge
00:09:21: zum Beispiel zum Arbeits- und
00:09:23: Wohnungsmarkt.
00:09:24: Wovon haben die Menschen in deinem
00:09:25: Buch da berichtet?
00:09:27: Die Diskriminierung und der
00:09:28: Rassismus auf dem Arbeitsmarkt,
00:09:30: Wohnungsmarkt und
00:09:33: Bildungssystem sind
00:09:34: wirklich gut belegt mit
00:09:37: vielen Studien,
00:09:39: wir wissen, dass es rassistisch
00:09:41: durchzogen ist.
00:09:42: Diese Systeme sind rassistsch
00:09:43: durchzogen und sie sind auch
00:09:45: miteinander verbunden.
00:09:46: Also es fängt zum Beispiel beim
00:09:47: Wohnungsmarkt an.
00:09:49: Wenn ich in einem Ort lebe
00:09:51: oder in einem Stadtteil, wo
00:09:53: auffällig viele Menschen mit
00:09:54: internationaler Familiengeschichte
00:09:56: leben, weil ich nun mal nicht aus
00:09:58: diesem Ortteil zum Beispiel
00:09:59: rauskomme, weil wenn ich versuche
00:10:00: in einem anderen Ort zu leben,
00:10:02: kriege ich überhaupt mal gar keine
00:10:03: Wohnung. Weil die Vermietenden
00:10:05: zum Teil sagen, wir möchten nicht
00:10:07: solche Menschen, das passt nicht.
00:10:10: Oder irgendwelche Gründe erfinden,
00:10:11: teilweise sogar offen sagen,
00:10:13: sie wollen keine Ausländer, sie
00:10:14: wollen keinen Schwarzen Menschen,
00:10:16: sie wollen keine...
00:10:17: Viele, viele Diskriminierungsformen,
00:10:19: die es da gibt.
00:10:20: Und dann führt das ja schon dazu,
00:10:21: dass ich nur bestimmte Schulen
00:10:23: besuchen kann als Kind
00:10:24: jetzt, die dann auch nur einen
00:10:26: gewissen Grad des Bildungssystems
00:10:28: für mich vermitteln können.
00:10:30: Wo ich nur einen gewissen Grad
00:10:31: erreichen kann überhaupt.
00:10:33: Und dann im Bildungssystem an sich
00:10:34: erfahre ich auch schon Rassismus,
00:10:37: und der ist auch sehr gut belegt.
00:10:38: Es fängt schon in der Kita an,
00:10:40: das Kinder Rassismus erfahren,
00:10:42: ob sie überhaupt einen Platz
00:10:43: bekommen.
00:10:44: Es ist zum Beispiel so, dass 100
00:10:45: Prozent der Kinder
00:10:47: ohne Migrationsgeschichte in
00:10:49: die Kita gehen und im Kindergarten
00:10:51: sind zwischen den 5- und
00:10:53: 6-Jährigen, während es
00:10:55: bei den Kindern mit
00:10:56: Migrationsgeschichte nur 80 bis 90
00:10:58: Prozent sind.
00:10:59: Und diese paar Jahre sind ja schon
00:11:01: mal, die legen ja schon den
00:11:02: Grundstein dafür, wie ich die
00:11:04: Sprache lerne, wie mein soziales
00:11:05: Verhalten ist und so weiter und
00:11:07: so fort. Und es zieht sich
00:11:08: eigentlich durch das ganze
00:11:10: Bildungssystem, ob ich eine
00:11:11: Gymnasiallempfehlung bekomme oder
00:11:13: nicht, wie ich in der Schule
00:11:14: behandelt werde.
00:11:16: Es gibt Studien, wo Kinder
00:11:17: Diktate aufhatten,
00:11:19: wo sie komplett das Gleiche
00:11:21: geschrieben haben, wo sie aber
00:11:23: unterschiedlich benotet worden sind,
00:11:24: einfach nur aufgrund ihres Namens,
00:11:26: ob sie einen türkischen Namen hatten
00:11:27: oder einen deutschen Namen.
00:11:29: Ob ich Abitur mache und so weiter
00:11:31: und so fort. Das ist, ich könnte
00:11:32: jetzt unzählige Beispiele
00:11:34: aufzählen, aber ich glaube, es ist
00:11:35: jetzt klar geworden.
00:11:37: Und dann führt das dann auch dazu,
00:11:39: ob ich einen guten Job finde,
00:11:41: ob ich die richtigen Noten habe, ob
00:11:42: ich den richtigen Habitus auch habe,
00:11:44: ob ich den richtigen Umgang hatte
00:11:46: und wie ich sozial erzogen worden
00:11:48: bin. Und das ist das Problem, wenn
00:11:49: wir sagen, Rassismus ist
00:11:51: ein schwieriges und schwerwiegendes
00:11:53: Problem in der Gesellschaft und es
00:11:55: kann nicht einfach immer nur klein
00:11:56: geredet werden und so getan
00:11:58: werden, als wäre das jetzt so ein
00:12:00: Me-Problem.
00:12:01: Wenn ich Rassismus erfahre, dann ist
00:12:03: das halt mein Problem, sondern es
00:12:05: ist ein Problem für die ganze
00:12:06: Gesellschaft.
00:12:08: Und gleichzeitig ist es aber auch
00:12:09: nicht so, dass wir jetzt sagen
00:12:11: können, okay, mit der derzeitigen
00:12:12: politischen Entwicklung in
00:12:14: Deutschland, ja, dann sind halt nur
00:12:16: die Migranten betroffen.
00:12:18: Das ist leider auch nicht die Summe.
00:12:19: Die migrantischen Menschen sind die,
00:12:20: die als Erstes jetzt erstmal
00:12:22: betroffen sind, aber danach folgen
00:12:24: weitere Gruppen.
00:12:25: Danach kommen queere Menschen,
00:12:27: danach kommen Menschen mit
00:12:28: Behinderungen und danach kommen
00:12:29: Frauen.
00:12:30: Und so zieht sich das immer weiter,
00:12:32: bis die Gesellschaft von diesem
00:12:33: Rechtsruck komplett durchzogen ist
00:12:35: und wir sehen diese Entwicklung
00:12:37: schon bereits.
00:12:38: Wir sehen das Vorbild in den USA,
00:12:40: an dem sich die Politiker und
00:12:42: Politikerinnen ja auch orientieren,
00:12:43: und das ist höchst problematisch
00:12:45: und macht mir auch große Sorgen.
00:12:47: Ich muss jetzt gerade daran denken,
00:12:49: was du beschrieben hast, ist ja auch
00:12:50: was, wo sich der Rassismus und der
00:12:52: Klassismus auch stark treffen.
00:12:54: Wir haben in Deutschland eine der
00:12:56: schlechtesten Durchlässigkeiten.
00:12:57: Das heißt, es ist
00:13:00: schwierig, aus einem gewissen,
00:13:02: von einem finanziellen Niveau
00:13:04: und aus einem
00:13:06: Wohnort sich hinaus zu bewegen,
00:13:08: weil dieser Kreislauf existiert.
00:13:09: Das heißt wenn ich da die
00:13:10: entsprechenden Arbeitsplätze nicht
00:13:11: bekomme, habe ich nicht das
00:13:13: Einkommen, um mich dann und
00:13:15: meine Kinder auf ein anderes Level
00:13:17: zu heben.
00:13:18: Also, die Repercussions sind groß
00:13:19: und ...
00:13:20: Ich glaube dazu habe ich letztens
00:13:22: gelesen, dass es irgendwie zehn
00:13:23: Generationen dauert, bis man sich
00:13:25: aus der Armut heraus befreien
00:13:27: kann. Es widerspricht auch dem,
00:13:29: was uns die ganze Zeit so von
00:13:31: klein auf eingebläut wurde.
00:13:33: Ja, wenn du dich hart anstrengst,
00:13:35: dann kannst du es schaffen.
00:13:37: Und irgendwann kommt man an den
00:13:38: Punkt, wo man merkt, es ist
00:13:39: eigentlich egal, weil natürlich
00:13:41: kann ich es bis zu einem Punkt
00:13:43: schaffen, aber dann gibt es halt
00:13:44: diese Decke, diese gläserne
00:13:46: Decke, die ich einfach nicht
00:13:48: durchbrechen kann.
00:13:49: Zum Beispiel generationales...
00:13:51: "generational wealth" kann
00:13:53: ich nicht einfach so aufbauen von
00:13:55: heute auf morgen oder in diesem
00:13:56: Leben. Also dafür brauche ich
00:13:57: wahrscheinlich mehrere Generationen,
00:14:00: um das überhaupt aufzubauen, und
00:14:02: es wird aber immer so getan, als
00:14:03: wäre das möglich, und das
00:14:05: finde ich halt auch so schwierig,
00:14:07: dass einem immer dieses Gefühl
00:14:08: vermittelt wird und man eigentlich
00:14:09: die ganze Zeit gegaslightet wird und
00:14:11: es hat mich auch so viele Jahre
00:14:13: gekostet, bis ich gemerkt habe,
00:14:15: wenn meine deutschen Freundinnen mir
00:14:17: sagen: Ich habe diesen Monat jetzt
00:14:19: gar kein Geld mehr, ich bin richtig
00:14:21: pleite. Da hat es Jahre gedauert,
00:14:23: bis ich verstanden habe, das heißt
00:14:24: nicht, dass ich 0 Euro auf dem Konto
00:14:26: habe, sondern das heißt, dass das
00:14:27: Budget für den Monat aufgebraucht
00:14:29: ist. Aber ich wusste das zum
00:14:31: Beispiel gar nicht und ich war
00:14:32: glaube ich Mitte 20, als ich das das
00:14:34: erste Mal gemerkt habe.
00:14:36: Und das hat komplett mein
00:14:38: Weltbild verändert,
00:14:40: weil ich dann wirklich gemerkt hab,
00:14:41: ach so, es gibt Menschen, die kommen
00:14:43: mit ganz anderen Privilegien in
00:14:45: diese Welt.
00:14:46: Und es ist aber auch gerade in
00:14:48: Deutschland, finde ich,
00:14:50: wird aber, diese Menschen, die diese
00:14:51: Privilegien haben, die tun aber
00:14:53: so, als hätten sie die nicht und es
00:14:55: wird nach außen hin gar nicht
00:14:56: gezeigt.
00:14:57: Und das macht es halt auch so
00:14:58: schwierig.
00:14:59: Du hast vorhin das Allgemeine
00:15:00: Gleichstellungsgesetz, das
00:15:02: Antidiskriminierungsgesetz in
00:15:03: Deutschland erwähnt.
00:15:05: Auch hier, es ist eines der
00:15:06: schwächsten in Europa, was
00:15:07: eigentlich so nicht sein dürfte.
00:15:10: Was fehlt diesem Gesetz?
00:15:13: Warum kann man nicht
00:15:15: dagegen angehen, wenn man die
00:15:16: Wohnung nicht bekommt, obwohl man
00:15:18: eigentlich alle Referenzen hätte,
00:15:20: wenn man den Arbeitsplatz nicht
00:15:21: bekommt?
00:15:22: Wo greift das alles viel zu kurz?
00:15:24: Das Problem ist, dass das
00:15:26: Antidiskriminierungsgesetz nur auf
00:15:27: öffentliche Bereiche anzuwenden
00:15:29: ist. Also zum Beispiel kann man das
00:15:31: auf den Bereich Schule gar
00:15:33: nicht anwenden.
00:15:34: Und das ist wirklich ein großes
00:15:35: Problem. Das heißt, wenn ich
00:15:36: Rassismus in der Schule erfahre,
00:15:38: kann ich mich nicht bei einer
00:15:40: bestimmten
00:15:42: Meldestelle wenden und sagen, ich
00:15:44: habe Rassismus erlebt oder meine
00:15:45: Lehrerinnen oder Lehrer haben das
00:15:47: und das gemacht.
00:15:48: Das macht es zum einen total
00:15:49: schwierig und deswegen
00:15:51: gibt es einfach so viel
00:15:52: Nachholbedarf.
00:15:54: Also es ist ja schon, das Buch ist
00:15:55: im April rausgekommen,
00:15:57: und ich muss sagen, dass ich im
00:15:58: April noch wesentlich
00:15:59: hoffnungsvoller war.
00:16:01: Aber es gibt mittlerweile so viele
00:16:03: Themen, wo ich dann
00:16:05: mittlerweile sage, ich glaube,
00:16:06: wir müssen das jetzt hinten dran
00:16:08: schieben. Also zum Beispiel
00:16:10: Gendern.
00:16:11: Für mich ist der Kampf ums Genderen
00:16:12: verloren. Also ich versuche da
00:16:14: auch gar nicht mehr noch irgendwie
00:16:16: zu diskutieren oder
00:16:17: mit Menschen darüber zu sprechen
00:16:19: oder das irgendwie durchzusetzen.
00:16:22: Ich glaube, dass es jetzt wichtig
00:16:23: ist, dass wir uns wirklich auf
00:16:25: die richtig wichtigen Themen
00:16:27: fokussieren.
00:16:29: Und dazu gehört zum Beispiel jetzt
00:16:31: auch dieses Gesetz,
00:16:33: weil ich einfach sehe, wie viel
00:16:34: gerade auf dem Spiel steht.
00:16:36: Was wir jetzt angedeutet haben, ist
00:16:38: der viel besprochene
00:16:39: Fachkräftemangel, der meiner
00:16:41: Meinung nach mit verschiedenen
00:16:43: Ansätzen gemildert werden
00:16:45: könnte. Die will man aber nicht
00:16:46: sehen. Man spricht lieber über
00:16:47: kriminelle Ausländer und
00:16:49: Arbeitsverweigerer und "kleine
00:16:51: Paschas".
00:16:52: Und vor allem sollen wir alle mehr
00:16:53: arbeiten.
00:16:55: Wir sprechen nie darüber,
00:16:57: was für eine Wirtschaftskraft uns
00:16:59: verloren geht, wenn wir
00:17:01: die Frauen klein halten und mit der
00:17:02: Sorgearbeit belegen.
00:17:03: Und wenn wir den
00:17:05: meist sehr gut ausgebildeten
00:17:08: Menschen aus dem Ausland hier
00:17:10: keine Chance geben,
00:17:12: also nicht am Arbeitsmarkt, in der
00:17:14: Gesellschaft.
00:17:15: Was erwartest du eigentlich
00:17:17: von der Politik und was
00:17:19: geschieht stattdessen gerade?
00:17:21: Also was ich von der P,litik erwarte
00:17:23: ist, dass sie die Realität
00:17:25: sieht.
00:17:26: Wir haben eine sehr niedrige
00:17:28: Geburtenrate in Deutschland, also
00:17:30: wir können es uns eigentlich nicht
00:17:31: leisten zu sagen, wir brauchen keine
00:17:33: Migration und wir möchten keine
00:17:34: Migation.
00:17:35: Ich erwarte, dass die
00:17:37: tatsächlichen Probleme, die vor
00:17:39: allem sozialer Natur sind,
00:17:41: angegangen werden, dass Probleme
00:17:43: wie Kinderarmut, der Klimawandel,
00:17:45: Wohnungsnot und so weiter,
00:17:47: dass diese wirklich angenommen
00:17:50: werden, man sich darüber Gedanken
00:17:52: macht, anstatt darüber,
00:17:53: wie man noch mehr Menschen
00:17:55: abschieben kann aus Deutschland.
00:17:57: Und was ich mir wirklich wünschen
00:17:58: würde, ist, dass man eine
00:18:00: Vision schafft für Deutschland,
00:18:02: für eine Gesellschaft, die
00:18:04: vielfältig ist und in
00:18:06: der alle Menschen gleichberechtigt
00:18:08: leben können und gleiche
00:18:11: Rechte haben. Und das findet halt
00:18:12: auch momentan gerade gar nicht
00:18:14: statt. Also dieses Bild
00:18:16: von, was wir vielleicht vor ein paar
00:18:17: Jahren noch hatten, wir wollen eine
00:18:18: vielfältige Gesellschaft sein.
00:18:20: Das ist eigentlich schon verloren.
00:18:22: Und das macht mir wirklich große
00:18:23: Sorgen. Also ich würde mir eher
00:18:25: wünschen, dass man die Vorzüge
00:18:27: einer vielfältigen Gesellschaft
00:18:28: wieder nach vorne stellt und die
00:18:30: Vorteile, wie wir zusammen
00:18:32: eine neue Gesellschaft kreieren
00:18:34: können.
00:18:35: Aber stattdessen wird so getan,
00:18:37: als könnten wir zurück zu dem gehen,
00:18:39: was früher einmal war,
00:18:41: was auch immer dieses Früher sein
00:18:43: soll, dass wir zurück
00:18:44: zu einer Gesellschaft gehen können,
00:18:46: die deutsch ist,
00:18:48: was auch immer deutsch bedeutet.
00:18:50: Und das ist ja enttäuschend,
00:18:52: finde ich, dass es da gar keine
00:18:54: Bemühungen in diese Richtung gibt,
00:18:56: sondern dass die Gesellschaft sich
00:18:57: immer weiter nach rechts bewegt,
00:19:00: dass man sich auf einen Krieg
00:19:01: vorbereitet, dass Kinder und
00:19:03: also jugendliche Menschen auf den
00:19:05: Krieg vorbereitet werden.
00:19:07: Und das finde ich schon sehr, sehr
00:19:08: schwierig.
00:19:10: Also wenn so viele, wir
00:19:12: wissen ja auch: gerade junge Männer
00:19:14: jetzt rechts wählen - wir haben
00:19:16: die Hochrechnungen gesehen,
00:19:18: dass die AfD extrem
00:19:20: zugelegt hat.
00:19:21: Du hast dem auch ein kleines Kapitel
00:19:23: in deinem Buch gewidmet.
00:19:24: Bist du denn für ein
00:19:24: Verbotsverfahren?
00:19:25: Glaubst du, dass uns das was bringt?
00:19:28: Ich bin absolut für ein
00:19:29: AfD-Verbotsverfahren.
00:19:32: Also ich glaube, dass allein schon
00:19:33: das Verfahren an sich ein wichtiges
00:19:35: Symbol ist für die Gesellschaft und
00:19:37: für die migrantischen Menschen in
00:19:38: dieser Gesellschaft.
00:19:39: Und würde vielleicht zu einem
00:19:41: gewissen Teil auch wieder das
00:19:42: Vertrauen zurückgewinnen, was schon
00:19:44: verloren gegangen ist.
00:19:46: Vieles ist nicht mehr wieder gut zu
00:19:47: machen, aber zumindest könnte
00:19:49: man dann zeigen, wir versuchen
00:19:51: wirklich, was dagegen zu tun.
00:19:53: Aber stattdessen hat man das Gefühl,
00:19:54: dass man sich
00:19:56: jetzt schon auf eine Regierung, die
00:19:58: die AfD beinhaltet, vorbereitet.
00:20:00: Das ist auch in einigen
00:20:01: Medienhäusern so, dass man schon
00:20:03: die Medienberichterstattung anpasst.
00:20:06: Und seit vielen Jahren ist es ja
00:20:07: eigentlich auch schon so gewesen,
00:20:08: dass die AfD sehr viel Raum in
00:20:10: der Berichterstatung, in den
00:20:12: Talkshows und so weiter bekommen
00:20:14: hat. Aber das würde, glaube ich,
00:20:17: zumindest zeigen, dass man etwas
00:20:18: dagegen tun würde.
00:20:20: Aber momentan habe ich da nicht sehr
00:20:21: viel Hoffnung.
00:20:22: Wir sprechen sehr viel darüber,
00:20:26: dass wir eine demokratische
00:20:27: Gesellschaft sind und dass wir
00:20:29: demokratische Entscheidungen
00:20:30: treffen. Aber das Papier ist da
00:20:32: sehr geduldig.
00:20:33: Also wir haben ja gerade
00:20:35: hier besprochen, es steht in deinem
00:20:37: Buch, es steht in fast jedem Buch,
00:20:38: was ich hier auf der Messe in den
00:20:39: nächsten zwei Tagen bespreche, dass
00:20:41: wir die Demokratie nicht wirklich
00:20:43: lieben. Wir erfüllen sie nicht mit
00:20:44: Leben, sie ist nur für manche Leute
00:20:45: da und für alle,
00:20:47: weil wir es nicht schaffen, sie
00:20:48: wirklich so auszuweiten,
00:20:51: wie es eigentlich sein möchte.
00:20:53: Du hast eine Vision für ein
00:20:54: Demokratieförderungsgesetz.
00:20:56: Wie könnte das aussehen?
00:20:58: Also ich bin für ein
00:21:00: Demokratiefördergesetz, weil ich
00:21:01: glaube, dass zum Beispiel
00:21:02: Demokratiebildung sehr, sehr wichtig
00:21:04: ist, weil es dafür wichtig ist
00:21:06: gegen Rechtsextremismus zu kämpfen,
00:21:08: aber auch gegen jede andere
00:21:10: extremistische Formen, wie
00:21:12: Islamismus zum Beispiel, darüber
00:21:13: schreibe ich ja auch in meinem Buch,
00:21:15: weil ich das zum Beispiel als eine
00:21:17: der Konsequenzen auch sehe,
00:21:19: die passieren kann, wenn
00:21:21: migrantische Menschen
00:21:22: desillusioniert sind und sich
00:21:24: abwenden, aber das passiert halt
00:21:26: leider nicht.
00:21:27: Es ist immer schön, sich so viele
00:21:29: Dinge zu wünschen.
00:21:30: Aber die momentane Entwicklung ist
00:21:32: halt komplett in die Gegenrichtung.
00:21:34: Also es sieht nicht danach aus, dass
00:21:35: wir ein Demokratiefördergesetz
00:21:37: bekommen.
00:21:38: Es sieht nicht danach aus,
00:21:40: dass große Projekte wie "Demokratie
00:21:41: lebt" langfristig etabliert
00:21:43: werden, obwohl sie gerade so
00:21:45: wichtig sein könnten.
00:21:47: Weil gerade auch für
00:21:49: Sozialarbeiter:innen zum Beispiel,
00:21:50: die in diesen Bereichen arbeiten und
00:21:52: die auch immer seit Jahren
00:21:54: eigentlich schon, dass diese
00:21:55: Finanzierungen, die meistens ja
00:21:57: immer nur Projektfinanzierung ist
00:21:59: und immer nur für ein Jahr, dass
00:22:01: das nicht produktiv
00:22:02: ist, sondern eher kontraproduktiv.
00:22:04: Weil gerade in diesen Bereichen
00:22:06: müssten wir ja eigentlich
00:22:08: investieren, wenn wir sehen,
00:22:10: wenn wir sehen würden, dass
00:22:11: Rechtsextremismus gerade die Gefahr
00:22:13: für unsere Gesellschaft ist.
00:22:15: Das passiert aber leider nicht.
00:22:16: Also Rechtseextremismus wird nicht
00:22:18: als die Gefahr von der Politik
00:22:20: gesehen, sondern Ausländer,
00:22:22: Islamismus und so weiter und so
00:22:24: fort. Wobei ich auch da sagen muss,
00:22:26: wenn man jetzt Islamismus als die
00:22:28: Gefahr sehen will, dann kann man ja
00:22:29: trotzdem dann zumindest in
00:22:31: Extremismusprävention investieren,
00:22:34: aber auch das passiert nicht.
00:22:35: Da fragt man sich dann wirklich
00:22:36: schon, was möchten diese Menschen
00:22:38: eigentlich und was erwarten sie und
00:22:40: was für eine Gesellschaft wollen
00:22:42: sie überhaupt?
00:22:43: Das finde ich extrem frustrierend.
00:22:46: Wenn wir von der politischen Ebene
00:22:47: jetzt mal in die Unternehmen gucken
00:22:49: wollen oder auf die institutionelle
00:22:51: Ebene, vielleicht haben wir hier
00:22:52: Menschen stehen, die
00:22:54: in ihren Unternehmen
00:22:56: Gestaltungsraum haben, die eine
00:22:58: gewisse Wirksamkeit erleben.
00:23:00: Wie können wir in
00:23:02: unserem kleinen und
00:23:04: direkten Umfeld auf
00:23:06: unsere eigenen Biases aufmerksam
00:23:08: werden, andere Menschen auch
00:23:10: ihre aufmerksam machen oder
00:23:11: vielleicht in den Strukturen
00:23:14: Dinge verändern,
00:23:16: dass es besser wird?
00:23:18: Ich glaube, wo ich ansetzen würde,
00:23:20: ist erstmal an der Haltung.
00:23:22: Also ich finde das wichtig, dass
00:23:23: Unternehmen auch weiterhin Haltung
00:23:25: zeigen.
00:23:26: Das habe ich ja auch eben kurz
00:23:28: angesprochen, weil es gibt auch
00:23:30: da ja leider die Entwicklungen, die
00:23:31: entgegengesetzte Richtung, dass
00:23:33: Mitarbeitende in den Unternehmen
00:23:36: einstehen füreinander
00:23:38: für ein Unternehmen, das auch
00:23:40: Haltung zeigt, die das auch fordern.
00:23:43: So ist das zum Beispiel in meinem
00:23:44: Unternehmen.
00:23:45: Die auch wirklich immer, also meine
00:23:47: ganzen Kolleginnen und Kollegen
00:23:48: haben in den letzten Monaten immer
00:23:50: wieder gefordert, dass wir bei
00:23:52: unserer Haltung bleiben, dass wir
00:23:53: nicht einknicken und wir haben jetzt
00:23:55: eine neue Intendantin, die
00:23:57: auch das zugesichert hat.
00:23:59: Weil sie halt auch sieht, dass das
00:24:00: wirklich das ist, was die
00:24:02: Mitarbeitenden sich wünschen.
00:24:03: Und ich glaube, da kann man schon
00:24:05: anfangen. Und dann passiert
00:24:06: natürlich ganz viel im Alltag.
00:24:09: Also wenn wir zum Beispiel Rassismus
00:24:10: im Alltag erfahren, auf
00:24:12: der Arbeit oder sonst wo, dass
00:24:14: wir das ansprechen, dass es dafür
00:24:16: Initiativen gibt, dass es Stellen
00:24:17: gibt, wo man sich hin wenden kann.
00:24:20: Das ist eigentlich auch keine große
00:24:21: Rocket Science oder so,
00:24:23: aber selbst da hapert es ja leider
00:24:25: immer noch.
00:24:26: Aber ich glaube, das wären so die
00:24:27: Punkte, wo ich erstmal ganz an der
00:24:29: Basis anfangen würde.
00:24:32: Und einfach auch wirklich darüber zu
00:24:34: sprechen, wie wir uns fühlen in
00:24:36: den jetzigen Zeiten.
00:24:37: Also mit meinen Kolleg:innen darüber
00:24:38: zu sprechen.
00:24:39: Räume zu schaffen in den
00:24:41: Unternehmen, dass wir darüber
00:24:43: dass es Raum dafür gibt, diese
00:24:45: Sorgen auch, die ja viele Menschen
00:24:46: haben, ausdrücken zu können,
00:24:49: mit dem, was da draußen eigentlich
00:24:50: passiert, was in unserem Land
00:24:51: passiert, was international
00:24:53: passiert.
00:24:54: Weil das erlebe ich auch ganz oft,
00:24:56: dass mir Menschen sagen, ich kann
00:24:57: gar nicht darüber sprechen, ich
00:24:58: fühle mich so hilflos, ich weiß gar
00:25:00: nicht, an wen ich mich wenden kann,
00:25:02: und ich fühl mich dann so wie ein
00:25:05: abgetrennter Mensch, wenn ich zum
00:25:06: Beispiel zur Arbeit gehe und ich
00:25:08: kann nicht darüber reden, was in
00:25:09: Palästina passiert, ich kann nicht
00:25:11: darüber reden, was vor meiner
00:25:12: Haustür passiert, oder was gerade
00:25:14: hier in der Politik passiert, dass
00:25:16: wir uns mitten in einem hybriden
00:25:18: Krieg befinden.
00:25:19: Und das finde ich zum Beispiel auch
00:25:21: super wichtig, dass man
00:25:22: sich auch ausdrücken kann.
00:25:24: Und das, was in uns drin ist, dass
00:25:26: wir das teilen können mit anderen
00:25:28: Menschen, weil wir ja alle
00:25:29: miteinander verbunden sind.
00:25:31: Was kann jede von uns lernen im
00:25:33: Umgang mit der
00:25:34: Medienberichterstattung?
00:25:36: Was passiert eigentlich, wenn alle
00:25:37: Leute wieder mehr arbeiten gehen?
00:25:38: Wer geht mehr arbeiten?
00:25:39: Die Männer gehen mehr arbeiten.
00:25:41: Das heißt, die Frauen bleiben zu
00:25:42: Hause und kümmern sich noch mehr um
00:25:43: die Kinder und können wieder nicht
00:25:44: fürs Alter vorsorgen.
00:25:46: Also, mit welchen Fragen oder
00:25:48: auch mit welcher Haltung
00:25:50: kann ich die Medien konsumieren
00:25:53: und hinterfragen, ob das, was mir da
00:25:55: erzählt wird, auch wirklich
00:25:56: für mich gilt, so
00:25:59: beim Wort zu nehmen ist?
00:26:01: Ich finde, dass die Medien in
00:26:02: Deutschland sich gerade in einer
00:26:04: Krise befinden.
00:26:05: Ich glaube, dass die Glaubwürdigkeit
00:26:06: der Medien extrem angeschlagen
00:26:09: ist, vor allem der
00:26:10: öffentlich-rechtlichen Medien, zu
00:26:12: denen ich ja auch selber gehöre.
00:26:14: Ich glaube dass zwar mein Medium,
00:26:16: also die Deutsche Welle, da nochmal
00:26:17: eine andere Position hat, als die
00:26:19: anderen öffentlich- rechtlichen
00:26:20: Medien in Deutschland.
00:26:21: Aber das finde ich wirklich
00:26:23: schwierig und das macht mir wirklich
00:26:25: große Sorgen.
00:26:26: Weil was nämlich passiert, ist, dass
00:26:27: sehr viele Menschen sich abwenden,
00:26:30: dass sie bestimmte Medien gar
00:26:32: nicht mehr konsumieren, dass sie
00:26:33: nicht mehr die Tagesschau gucken,
00:26:35: dass sie keine Lust mehr haben,
00:26:37: Online-Artikel, die von den
00:26:39: öffentlich-rechtlichen Medien sind,
00:26:40: überhaupt zu lesen.
00:26:41: Und in den privaten Medien ist es ja
00:26:43: auch so, dass sehr stark auf Klicks
00:26:45: geachtet wird, dass bestimmte Themen
00:26:47: gepusht werden, wo man genau weiß,
00:26:49: da kann man die Emotionen schüren.
00:26:51: So funktionieren ja leider auch
00:26:53: Social Media und die Algorithmen.
00:26:55: Und dass sehr viele, gerade ja junge
00:26:57: Menschen zum Beispiel auf
00:26:59: Social Media ihre Nachrichten
00:27:00: konsumieren, dass sie bestimmte
00:27:01: "Newsfluencern", so heißt das ja,
00:27:04: folgen, dass die sich auf die
00:27:05: verlassen.
00:27:06: Das kann auch eine Alternative sein,
00:27:09: aber es kann halt nicht die einzige
00:27:10: Alternative sein.
00:27:12: Ich bin dir sehr sehr dankbar für
00:27:13: deine Offenheit und für dieses Buch.
00:27:15: Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder.
00:27:16: Danke für das schöne Gespräch,
00:27:18: danke schön.
00:27:42: Danke, dass du dabei warst.
00:27:44: Wenn dir die Folge gefallen hat,
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